Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Zwei historisch merkwiirdige Bildsr des Lucas Cranach in Madrid.

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rechts aus dcm Mittelgrunde des Bildes angetriebeu
und flieheu Verfvlgt teils links in das Waldesdickicht,
teils werden sic, bevor sie zum Teich gelangen, mit
Schwcrtern und Spicßen in jeder nicht jagdgerechten
Weise erlegt. Am Teiche steht die Kurfürstin mit den
jungen Svhnen des Kursürsten und ihren Damen mit
Armbrüstcn bewaffnet hinter cinem Schießstande, wäh-
rend ganz im Vordergrunde, bis nach dem linken Rande
des Bildes hin, der Kurfürst mit zwei sürstlichen
Gästen, jcder von Büchsenspannern bedient, zu Fuß,
dic in dcn Teich gesprcngten Hirsche im Anstand hintcr
Bäumen und Gebüsch mit Armbrüsten erwartet. Jhre
Jagdbeute liegt teils zu ihren Füßen, tcils wird sie
in einem Nachen aus dem Teich gchvlt und wegge-
fahrcn. Man sieht in dem sehr sigurenreichcn Bilde
von erhvhtem Standpunkte über das Ganze weg nach
der Stadt Torgau hin, aus dcn Fluß, den Schisf-
mühlen belebcn, Jnseln untcrbrechen und cine Bock-
brücke überspannt. Die auS Schriftcn über dic deutsche
Nenaissance rc. schr bekanntcn Dctails des damals
noch ncucn Schloßbaues zn Torgau sind so dentlich
erkennbar, daß über dic Lokalität, sowic Uber Waagcns
irrige Bczeichnung dcrsclbcn, kcin Zweiscl sein kann.

Die Hirsch- und Ebcrhctze auf Nr. 1020 findct
dagegen aus dem linkcn Elbufcr zicmlich nahe vvr der
Südfronte des Torgauer Schlosses statt und kommt
cbenfalls von rechts über cinen bewaldeten Hügel nach
eincm im Bordcrgrunde bcsindlichen Teiche hcran. An
letzterem erwarten ganz in gleicher Weise wie auf 1006
der Kurfürst und cin sürstlichcr Gast dieselben, hinter
Bäumcn (links und mittcn im Vordergrunde), sowie
die Kurfürstin mit Damengefolge (rechts im Vorder-
grundc) die ins Wasscr gesprengten Hirsche, nm sie mit
Armbrüstcn anzugreifen.

3m Mittelgrunde tvten Neiter, wie auf 1006,
das von ihnen ereilte Wild, insbesondere mehrere Eber.
Der Standpunkt in diesem Bilde ist tieser gewäh6
und der Jagd näher gerllckt, weshalb die Tiere und
Mcnschen auch grvßer dargestellt sind als auf dem
Pendant von der rechten Flußseitc. Die Südfronte
des Schlosses von Torgau nimmt hier die Mitte des
Hintergrundes ein und ist niit wahrhast chinesischer
Genauigkeit ausgeführt. Sie ragt über die Wipfel der
Watdbäume des Mittelgrundes hervor. Das Bild ist
durch Risse der Bretter beschädigt nnd stellenweise in
der Farbe verdorbencr als das erstere, auch ist sein
Ton im ganzen trüber; es trägt abcr oben links das
kurfürstliche Wappen nnd vorn das bereits erwähnte
Monogramm Cranachs mit der Jahreszahl 1544.

Es sragt sich nun, wie kamen diese Bilder nach
Madrid, da deren Behandlung dem dort herrschendcn
Gcschmack nicht sehr zusagen konnte nnd deren Vor-
wurf kanm leichter verstandcn wurde als seine Bortrags-

tveise? — Nach einer in Madrid vcrbreiteten und
gern geglaubten Sage sollen sie von Kaifer Karl V.
selbst als Trophäcn aus dem schmalkaldischen Kriege
nach Spanicn geschafft, resp. als Beute ans dem kur-
fürstlichen Bildervorrat ausgewählt und weggeführt
wordcn scin, weil auf denselben die gleichzeitigen Por-
träts der beidcn Hänpter des schmalkaldischen Bundes
dargestcllt seien, die bekanntlich längere Zeit Gefan-
gcne des Kaisers waren. Zur Verstärkung dicscr
Hypothese wird noch der besondere Geschmack des Sie-
gers für die Manier Lucas Cranachs angeführt, welch'
letzterer einst in den Niederlanden den Kaiser als
Knaben porträtirt habe.

Mir scheint diese Herlcitung unwahrscheinlich und
ich neige mchr zu dcr Annahme, daß die Bilder, welche
wohl ursprünglich dem Herzogc Mvritz vvn Sachscn
vor scincm Zerwürsnis mit Johann Fricdrich als desscn
Jagdgast 1543 und 1544 verehrt worden sein mvgen,
aus dem Albertinischen Hause (mittelbar oder un-
mittelbar) ihren Weg nach Madrid gcfunden haben.
Dvrt kvnnten sie, teils als Arbeitcn Cranachs, teils
auch weil daranf die vvm Kaiser bcsicgten Fürsten
dargestellt sein solltcn, allerdings willkommcne Geschenke
sein. Jch schlicße dicse Art des Überganges nicht nur
darans, daß entsprechendc Bildergeschenke an Mvritz
dnrch Johann Friedrich in jcnen Jahren nachgewiesen
sind, svndern mehr noch daraus, daß das Pvrträt Herzog
Moritzens auf 1006 nnd 1020 unvcrkennbar ange-
bracht ist.

Auf Nr. 1006 teilt er die Ehre mit eineni an-
deren Fllrsten und nimmt den Platz, etwas rückwärts
von diesem, nach dem linkcn Rande des Bildes ein,
auf Nr. 1020 erscheint er dagegen allein als Gast des
Kurfllrsten neben diesem mitten im Bilde. Seine etwas
hohläugige Physivgnomie sticht lebhaft gegen diejenige
des letzteren ab, die übrigens ans beiden Bildern
weniger breit und mit geistig bclebterem Ausdruck aus-
gestattct ist, als dies auf den Fabrikporträts des ab-
gesetzten Kurfürsten der Fall ist, welche in Massc von
Cranach dem Jüngeren vertrieben wurden.

Daß ans dem Kunstbesitz des 1547 gefangenen
Kurfürsten insbesondere die Bilder als Beute nicht
wohl weggeführt sein können, ergiebt sich teils aus
dcr von Schuchardt mehrmals und weitlänfig besproche-
nen Thatsache, daß Cranachs bessere dem Knrfürsten
gehvrigc Bilder, nebst anderen, der eigenen Obhut des
Malers in heimlichem Gewahrsam übergeben waren
und sich nirgends ein Anhaltspunkt dafür sindet, daß
dieses Gewahrsam gestvrt worden sei. Auch spricht
dagegen der Umstand, daß llberhaupt nirgends davon
etwas verlautet, als seien damals noch Werke des
schvn alten Cranach vom Kaiser besonders begehrt
worden, da dies von den Freunden des Malers und
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