Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Ausgrabungen und Funde in Tarent. — Kunstlitteratur.

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ganz dvrzüglich, doch bemerkten wir, wie das frische
Grün lebender Zimmerpflanzen geradezu „bissig" ein-
griff. Lichtgehaltene Jnterieurs, von dem warmen
Goldtone dcs Glühlichts überflutet, vcrtragcn einmal
sastiges Griin nicht. Die Gartenkünstler sollteu ent-
sprechendcs Blatlwcrk dafiir licfern. Dcr Makartstrauß
hat seinen Nimbus längst verloren; man geht bereits
hausircu damit. Er grassirt besvndcrs in dcr deutschen
Renaisiance als Belebungsmittel der strengen, harten,
mitunter auch recht ledernen Fvrmen.

(Schluß folgt.)

Ausgrabungen und Funde in Tarent.

Während bis Vvr kurzeni die kümmerlichen Über-
rcste eines Theaters nnd dic verwahrlosten Ruiuen
einiger Villen die einzigen Zeichen waren, die an die
cinstige Blüte der Königin Großgriechenlands erinncr-
ten, sind durch die seit etwa zwei Jahren unter der
Leitung Prof. Bivla's ans Staatsnnkosten vvrgenom-
menen Ausgrabungen mannigfachc Zeugnisse für dic
hohe Knltur Tarents im Altertnm zu Tage gefördert
wordeu. klnter Benützung eines interessanteu Berichtes
darüber im „Schwäb. Merkur" stellen wir in folgendem
die bisherigen Resnltatc dieser Arbciten zusainmcii. -
Die meiste Beachtung verdienen die Reste eines archaisch-
dorischen Tempels, die in das Jnnere von einigen
ärmlichen Häusern verbaut sind. Erhalten ist davou
dcr obere Teil zweicr mächtiger, mit 24 Kaneltüren
versehener Säulenschäfte mit ihren Kapitälen und Deck-
platten, svwie Teile des Stylobats. Die gewaltigen
Kapitäle zeigen das weitausladcnde, flache Prosil des
älteren dorischen Stils; unmittelbar unter dem Echi-
nus umziehn drei Einschnitte den Hals der Säule.
Bemerkenswert ist die außerordentlich cnge Stellung
der beiden erhaltenen Säulen, deren Jnterkolumnien-
lveitc nur 1,10 in bcträgt. Außerdem sind Reste cines
schönen Friesreliefs, Kämpfe von Griechen mit Bar-
baren darstellend, uud cinige Jnschriften aufgefunden
worden.

Durch Funde der allerjüngsten Zeit gewinnt nun
aber Tarent erhöhte Bedeutung für die Archäologie;
weitere Entdeckungen, die hoffentlich auch auf die Topo-
graphie dcr Stadt Licht werscn werdeu, darf i»an vvn
der bcvorstehcnden Abgrabung des TerrainS an dem
südlichen, das inurs Arunäs und inars pisooko ver-
bindendcn Kanal erwarten. — Bemalte griechische
Vasen waren srüher von Tarent nicht bekannt, erst
neuestens ist eine beträchtliche Anzahl solcher zum Vor-
schein gekommen. So wurde in einem Brunnenschacht
eine reiche Sammlung von sehr alten, aus freier Hand
geformten Gefäßen aufgedeckt, mit Ornamenten der
Primitivsten Art geziert, — ein Fund, der geeignet ist,

auf die vorgriechische Kultur Süditaliens, sowie auf
die religiös-cercmoniellen Bezüge zlvischcn Süd- nnd
Norditalicn neues Licht zu wersen.

Ganz enorm ist der Reichtnm an figürlichen Terra-
kotten, den der Boden von Tarent und Umgebung zn
Tage sördert; mehreres davon ist neuerdings in den
Louvre sowie die Sanimlungen von Göttingen und
Bvnn gekommen. Besonders instruktiv sind diese Terra-
kottensunde dadurch, daß sich vielfach derselbe Typus
dnrch verschiedenc Stadien hindurch von alter Zeit bis
auf jüugcre Perioden hcrabverfolgen läßt. Von cincr
einzigen Gattung von Darstcllungen, den auch sonst
iu Griechculand wie in Jtalien sehr häufigeu sogc-
nannten Totenmahlen, bis jetzt in ihrcr Bedcutung
nvch unklar und vielbestritte», sind unzähligc Exemplare
ansgesunden worden, zum Teil mit interessanten Mo-
tiven. Es ist kaum daran zu zweifeln, daß durch sorg-
fältige Vergleichung dieser Stückc unter sich nnd mit
vcrlvandtcn Denkmäleru das Nälscl, daö bishcr aus
diesen Darstellungen geruht, gelöst werden wird. Ein
ebenso kostbares wie unscheinbares Unicum ist in der
letzten Zeit gesunden wvrdcn: cine Marke (Tcsscra)
aus Thon, welche nach der Jnschrift der einen Seite
dem Besitzer Zutritt zu einem Syssition (gemeinsamen
Mnhle) gab; die andere Seite zeigt in sehr feinem
Relief die Darstellung einer Bacchantin neben cinem
Panther. Tarent war ja eine spartanische Kolonie,
und so ist es leicht erklärlich, daß auch hier, wie in der
Mutterstadt, Syssitien gehalteu wurden; dic durch den
Fund bezeugte Thatsachc, daß für diesclben Marken
verteilt wurden, wie das ja Vvm Theater bekannt, ist
durchaus neu. Jm übrigen scheint die Bacchantin des
Reverses darauf hinzudeuten, daß sich diese tarentini-
schen Syssiticn nicht gerade durch spartanische Einsach-
heit ausgezeichnct habeu. Zum Schlnß mag uoch der
Fund eines hübschen Terrakottareliefs verzeichnet werden,
das Hermcs in einer ncuen, bedeutungsvollen klin-
gebung zeigt, nämlich neben eincm Leuchttnrme; einen
svlchen scheint wenigstens das eigentümliche Bauwerk
vorstellen zu sollen. 0. v. k?.

Aunstlitteratur.

II. L „Kuiist imd Kmistgeschiclitc". Der soeben er-
schienene 18. Band des „Wissens der Gegcnwart" (Leipzig,
G. Freptag; Prag. F. Teinpsky 1884) bringt nnter vorstehen-
dem Titel eine Arbeit von Alwin Schultz, dem bekannten
Versasser des „Höfischen Lebens zur Zeit der Minnesänger".
Ähnlich, wie es bereits von Ernst Förster, W. Lübke u. a.
geschehen ist, soll hier an der Hand der Kunstgeschichte das
größere Publikum in das Verständnis der Kunst eingeführt
werden. Das schwierige Unternehmeii ist, wie sich bei der
Persönlichkeit des Verfassers nicht anoers erwarten ließ,
durchaus geglückt. Jn schlichter, angenehmer Darstellung
wird dem Leser an der Hand zahlreicher, zum Teil sehr guter
Abbildungen das Wichtigste aus der Geschichte und Technik
der Architektur und Plastik mitgeteilts rtnd sehr zu loben ist
es, daß auch das Kunstgewerbe die gebührende Berücksich-
tigung gefunden hat. Ein weiterer Band soll die Malerei
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