Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur.

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mcmn, mit drei Svhnen grnppirt, rechts die Frau mit
einem vierten Sohne und der einzigen Tochter. Jn
dem aufgeschlagenen Buche auf den Knicn des Mannes
stehen die Namen aller verzeichnet, mit Ausnahnie des-
jenigen des jüngsten Knaben, der auch etwas zurück
ins Halbdunkel versetzt ist. Viellcicht war er bereits
verstorben, als das Bild gemalt wurde. Auch das
Alter eines jeden ist angegeben, dasjenige des D. Mytens
aus 42 Jahre, dasjenige seiner Gattin Judith auf
43 Jahre; dann folgen die Söhne im Alter von 12,
10 und 8 Jahren, und den Beschluß macht das fünf-
jährige „Annecke". Darunter steht die Jahreszahl
1624. Dieses hübsche, ansprechcnde Gemälde, welches
sich bis vor kurzem im Privatbesitze zu Kopenhagcn
befand, ist breit und kräftig gemalt, tüchtig in der Be-
handlung des Stofflichen, lebendig in der Auffastung
der Physiognomien, vor allen Dingen aber von einer
tiefwarmen Einheitlichkeit dcs Tones, der in seinem
ansgeprägten Helldunkel bereits im voraus auf Rem-
brandt hinweist.

Da die Überlieferung das Bild als Familien-
Porträtstück des Künstler Mytens bezeichnet, da die
Mytens eine bekannte, wenn auch noch nicht in allen
ihren Gliedern genügend erforschte Haager Künstler-
familie jener Tage waren, da die Namen so auffallend
in dem Buche verzeichnet stehen, daß man unwillkür-
lich zunächst an eine Künstlerbezeichnung denkt, und da
ähnliche Gruppenbilder von Meistern, die sich und ihre
eigene Familie darstellen, ja auch sonst nicht selten sind
— ich erinnere nur an O. van Veens derartiges Bild
im Louvre zu Paris — so ist die Benennung des
Bildes als ein Werk des D. Mytens cinstweilen ac-
ceptirt und auch im Nachtrage zu Hübners Katalog
beibehalten worden. Dieser D. Mytens kann dann
aber nicht der beknnnte Haager Meister sein, welcher
als Freund van Dycks in London thätig war; denn
daß dieser Daniel hieß, ist urkundlich beglaubigt
(vergl. H. Walpole, iLneoäoles ok knintinA, London
1872, S. 114), wogegen auf unserem Bilde dcutlich
David Mytens steht. Die M.vglichkeit, daß die
Jnschrist im Bnche sich überhaupt nicht anf dcn Künstler,
svndern nur auf die Dargestellten beziehe, muß daher
noch offen gelasten werden. Die Hand ist aber weder
diejenige jenes bekannten Daniel Mytens, noch dic-
jenige eines der andcrcn bekannteren zeitgenvssischen
holländischen Bildnismaler; und daß es auch einen
Maler Namens David Mytens gegeben habe, ist unserem
Bilde gegenüber so unwahrschcinlich nicht, zumal da
Kramm schon nicht weniger als fünf verschiedene
Meister dieser Haager Familie verzeichnet. Vieüeicht
würden die Haager Archive darüber Auskunft geben.
Jedenfalls sind die Akten über den Urheber dieses
interessanten Bildes noch nicht geschlossen.

3. Hendrik Dubbels. Seestück. Frischbewegtes
Meer, von großen und kleinen Schiffen belebt. Links
wird auf einer bildcinwärts steuernden Schaluppe das
Segel aufgezogen. Rechts liegt ein großer Dreimaster
vor Anker, auf dem die Matrosen in den Raen be-
schäftigt sind, die Segel zu lösen. Der Himmel ist
grau; doch spielen helle Sonnenblicke vorn links und
im Mittelgrunde rechts auf den im Lichte grau, in
den Schatten braun gehaltenen Wellen. Es ist ein
gutes kleines Bild des Meisters, der um 1650 Ältester
der Amsterdamer Gilde war. Bezeichnet ist es an
einem Balken in seiner bekannten Art: VVL1Z8U8.
Es stammt aus derselben Quelle, wie das vorige.

4. Jan van der Meer von Haarlem. Blick
vvn den Dünen auf die holländische Ebene; doch nicht
nach der Stadtseite zu; denn kein Kirchturm ist am
feinblauen Hvrizonte sichtbar. Nur der Mittelgrund
ist reich entwickelt. Am Fuße der Dünen sehen wir
ein Dorf unter Bäumen, einen Teich, eine Bleiche und
ein Wäldchen. Der hellblaue Himmel ist leicht um-
wvlkt; nur rechts ballt eine schwercre Wolke sich schwarz
zusammen. Es ist eins der charakteristischsten nnd fein-
sten Bilder des geschätzten Meisters, deffen volle
Namensbezeichnung in seinen eigensten Schriftzügen es
zum Überfluffe trägt. Es befand sich 1883 auf der
Ausstellung von Gemälden älterer Meister im Berliner
Privatbesitze, Nr. 64 des Bode'schen Kataloges, und
gehörte Herrn Otto Pein. Der Dresdener Galeric
mußte es um so willkommener sein, da sie, neben ihren
beiden ausgezeichneten Genrebildern des Delfter
Namensvetters unseres Meisters, ein echtcs Bild des
Haarlemer I. v. d. Meer noch nicht besaß.

Aunstlitteratur.

2lnatomie der äußeren Lsrmen des menschlichen
Aörpers, vvn vr. Carl Langcr. Wien, Tocplitz
nnd Deuticke. 1884. 8.

Wenn die Künstler für das Studium der mensch-
lichen Gestalt von Seite der Anatomie als Wissenschaft
nicht mehr zu verlangen hätten, als die Kenntnis dcr
Knochen und Muskeln, so hätten wir eine Reihe treff-
licher Werke, die geeignet sind, nach dieser Richtung
gnte Dienste zu leisten. Von Seite der Künstler selbst
wnrden für die allgemeine Orientirung zahlreichc
Arbeiten geliefert, die heute noch allenthalben für den
elementaren anatvmischcn Unterricht in guter Ver-
wendung stehen. Wenn Salvage den Borghesischcn
Fechter, Fischer seine anatomische Normalfigur, Roth
seincn Athleten als Knochen- und Muskelmann in
verschiedenen Ansichtcn vorführen, so gewinnt der
Studirende dadurch ein übersichtliches Bild von den
bewegenden nnd formgebenden Etementen der mensch-
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