Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Nekrologe.

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hat eben den Trottoir erreicht, welcher gcmz im Vorder-
grunde das Bild abschließt. Wie die jnnge Frau,
welche von zwei Kindern begleitet ist, sich umwendet,
erkennt sie in einer Dame in zartcr Frühlingstoilette,
welche sich nachlässig in dcn Fond ihrer Eguipage
zurückgelehnt hat, ihre Schwester. Drohend streckt sie
den Arm aus und macht mit den Fingern der Ent-
arteten, welche ihre Tugend um Glanz und Luxus
geopfert hat, eine Gebärde der Berachtung. Jhr
Mann, welcher das jüngste Kind aus dem Arme trägt,
wirst der Gefallenen ebenfalls einen strafenden Blick
zu, und ebenso ist die elegante Umgebnng und der
Kutscher des eigenen Gefährts auf die Peinliche Scene
aufmerksam geworden. Aber die Betroffene sucht ihre
Berlegenheit zu bekämpfen und Unbefangenheit zu
heucheln, als vb die Demonstration nicht gegen sie ge-
richtet sei. Das Gewirr der Reiter unv Eguipagen,
ihre eleganten Jnsasfen, ein vollbesetzter Omnibus, ein
Blumenkarren mit einer Käuferin davor, die Vorhalle
der Madeleinekirche, links eine hohe Mauer, über welche
die Bäume eines Parkes in frischem Lenzesgrün blicken
— das ist alles in Lebensgröße gemalt, als wäre eine
Augenblicksphotographie vergrößert und dann kolorirt
worden. Die malerische Technik ist nirgends so
interessant oder ungewvhnlich, daß sie den Maßstab
des Bildes, welcher in keinem Verhältnis zu dem Jn-
halte steht, rechtfertigen könnte. Der violette Dunst,
welcher zwischen den Säulen der Madeleine schwebt,
ist nur sehr ungenügend durch die Reflexe der Abend-
sonne motivirt und vielleicht eher auf das Rezept der
Schule zurückzuführen, da Cabanel bekanntlich die siiß-
lichen Töne liebt. Wagen, gestriegelte Kutschpferde,
Omnibusse und Straßenpflaster in Naturgröße zu
malen, ist ein Verdienst, an welchem man mehr die
physische als die geistige Kraft bewundert.

Die gute Absicht des Berliner Künstlervereins,
seine Mitglieder und Besucher ab und zu über die
auswärtige Produktion zu unterrichten, svll nicht ver-
kannt werden. Aber in der Wahl von charaktcristi-
schen Bkispielen sind die Leiter der Ausstellung bisher
wenig glücklich gewesen. Es mag ja in der politischen
Konstellation begründet sein, daß nur svlche Bilder
uach Deutschland abgegeben werden, mit denen in
Frankreich nichts zu machen ist, und daß wirklich be-
dcutende französische Bilder nur mit großen Opfern
zn erlangen sind. Aber es wäre immerhin besser, bis
günstigere Verhältnisse cintreten, ganz aus französische
Bilder zu verzichten, als mittelmäßige Arbeiten aus-
zustellen, welche in den Köpfen junger Leute, die alles,
was von Paris kvmmt, mit gläubiger Verehrnng be-
trachten, nur Verwirrung anrichten können. Ein
Damenbildnis von Giron, welches zu gleicher Zeit
ausgestellt ist, giebt übrigens einc nngleich vorteil-

haftere Vvrstellung von seinen malerischen Fähigkeiten,
und auch nach der Seite dcr Charakteristik ist hier
eine größere Feinheit nnd Bertiefung erreicht worden,
als auf dem großen Bilde, wo manches recht ober-
flächlich und hölzern behandelt worden ist.

Die Umgebung, welche der Zufall um dieses Ge-
niälde zusammengeführt hat, ist so wenig erfreulich,
daß der Pariser Maler wie ein Triumphator erscheint.
Es ist, als ob seit drei Jahren ein Alp auf der
Berliner KUnstlerschaft läge, welcher alle Produktion
lahm lcgt. Nur ein paar Münchener Genremaler,
Harburger,M.Schmid, Grützner, Fröschl, habcn
einige Sonnenstrahlen in das ewige Einerlei von Sitz-
gesichtern nnd Clichölandschaften hineingebracht. Eine
Überraschung bereitete uns nur ein Porträtmalcr,
Conrad Fehr, welcher in zwei Bildnissen, die in einer
Verbindung von Pastell und Aguarell ausgeführt sind,
bei seltener Beherrschung der technischen Mittel ein bc-
deutendes Charakterisirungstalent offenbart. Jch war
aber nicht überrascht, als ich erfuhr, daß der junge
Mann ans MUnchen gekommen ist, wo er bei Löfftz
gelernt hat.

Einen wirklich erfreulichen Eindruck dieser Ans-
stellung macht eigentlich nur der Nachlaß des im
Svmmer vorigen Jahres verstorbenen Landschastsmalers
Gustav Engelhardt: eine stattliche Anzahl von Ge-
mälden, Olskizzen und Aguarellen, welche namentlich
dns letzte Jahrzehnt seiner Thätigkeit umfassen. Es
ist ein liebenswürdiges Talent, ein tief angelegtes Ge-
müt, welches aus diesen mit gewandter, aber nicht
prahlerischer Technik ausgeführtenAbbildern derGebirgs-
natur zu uns spricht. Engelhardt hatte Vvrzugsweise
das Ötzthal in Tirol zum Schauplatz seiner Studien
gemacht, wo ihn besvnders die dunkeln Tannenwälder
und die brausenden Gebirgswüsser fesselten. Gelegent-
lich ging er auch nach Oberbayern hinüber, und deni-
nächst holte er Motive ans dem Harz, aus Rügen nnd
der Mark. Aber Wald und Wasser mußten die bergige
Natnr immer beleben. Es war ihm gelungen, sich einc
individuelle Empsindungs- und Ausdrucksweise zu
schaffen, welche ihm eine hervorragende Stellung unter
den Berliner Landschaftsmalern erworben hatte.

Adolf Rosenberg.

Nekrologe.

V Der Tier- und vandschostsmlilcr Richard Burnier ist
am 17. März in Düsseldorf gsstorben. 182«; im Haag ge-
koren, hatte er sich 185» nach Düsseldorf begeben, wo er
unter I. W. Schirmer und A. Achenbach seine Studien
machte, welche er später bei Troyon in Paris fortsetzte. Rach-
dem er noch einige Reisen durch Belgien und sein Heimat-
land gemacht, ließ er sich in Düsseldorf nieder, von wo er
alljährlich die Kunstausstellungen mit Landschaften beschickte,
welche meist mit Rindvieh staffirt waren. Wie Troyon, be-
handelte er dieTiereund den landschastlichenHintergrund gleich-
wertig und strebte bei einer breitsn und saftigen, wenn auch
bisweilen etwas dekorativen, mnlerischen Behandlung nach
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