Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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19- Iahrgang
Bciträge

s5. November

Nr. 3.
Inserate

i> 2S pf. für die drel
Mal gespaltene ssetit-
zeile werden von jeder

s883.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


Museen und Galerien in Florenz; ^chloß Neuenschwänstein; Aus t)aniburg. — Berliner Aunstauktion; Soci^te Rembrandt; Leipziger
Aunstauktion. — Zeitschriften. — Berichtigung. — Inserate.

<Ld. Ncandels 5üch der Lixtinischeic Nladonna.

Das Ereignis des Tages in der Knnstwelt bildct
dcr neue Kupferstich uach Naffaels Sixtinischer Ma-
bonna, das letzte Werk Eduard Mandels. Handelt
es sich doch um das berühmteste Gemälde des Urbinaten
und zugleich um eine der großartigsten und schwierigsten
Aufgaben der Kupfcrstichkunst. Das muß eiu kühner
Mann sein, welcher sich an die Wiedergabe der Sixti-
nischen Madonna wagt. Nur die volle Herrschast
über alle Mittel, welche der Kupferstichkunst zu Gebote
stehen, giebt den Mut zum Versuche, und selbst dann
ist das Gelingen nicht unbedingt sichergestellt, denn
das Raffaelische Gemälde ist eine ganz eigenartige
Schvpfung. Ein geheimnisvoller Zauber ruht auf
demselben. Jch nieine nicht die äußeren Umsiände,
unter welchen das Werk entstanden ist; diese waren
einsacher Natur. Ein serngelegenes Kloster bestellte
wahrscheinlich durch Vermittelung eines rvmischen
Gönners ein Altarbild, welches Rafsael eigenhändig
vollendete. Den Schleier möchte man gern von der
Gemütsvcrfassung heben, in welcher der Künstler sich
besand, als cr die Sixtiuische Madonna malte. Raffael
kam von deu Teppichkartons hcr. Nvch war seine
Phantasie unmittelbar erfüllt von den mächtigen Ge-
stalten und großen Formen, in welchen cr die Helden
der christlichcn Vorzcit geschaut hatte. Der Wiederhall
dieses gewaltigen Jdealismus pflanzt sich bis zur
Sixtinischen Madonna fort. Daher stammt die Hoheit,
der ergreifende Schwung dcr Ausfassung in der
letzteren, die Vertiefung der einzetnen Charaktere, be-

sonders des heiligen Sixtus. Es spricht aus dem
Gemälde aber auch eine Jnnigkeit des Ausdrucks, eine
Glut der Empfindung, wie aus keiner anderen Schöpfung
Raffaels, und diese geht offenbar auf eine besondere
Seelenstinimung des Künstlers zurück. Es ist gewiß nicht
geraten, aus dem Werke auf das Leben des Malers
rasche Schlüsse zu ziehen. Hier treibt es uns aber bei-
nahe unwiderstehlich, von einem geheimnisvollen persön-
lichen ErlebnisseRaffaels zu träumen, von einem nnnenn-
bar reichen Gefühle des Glückes zu phantasiren, welches
ihn gerade damals durchrieselte und eine Welt voll von
stolzer Schönheit, vollendeter Anmut, heiterer Schalk-
heit ihni vorspiegelte. Die ergreisende Wirkung der
Sixtinischen Madonna beruht ja wesentlich darauf,
daß in ihr die Züge unnahbarer Hoheit und zünden-
der Schönheit wunderbar verschmolzen sind. Fiir
grvbere Naturen sallen diese Züge aus einandcr. Gar
lehrreich sind in dieser Beziehung die Kosaken und
Napoleonischen Offiziere, Vvn welchenKügelgen in seinen
„Erinnerungen eines alten Mannes" erzählt. Die Bar-
baren knieten vor dem Andachtsbilde nieder, die frivolen
Bewohner des modernen Babel erglühten nur sür die
Schönheit des Weibes. Für den kunstsinnigcn Be-
trachter giebt es keinen solchen Dualismus. Er be-
grüßt in der Sixtinischen Madonna die Bereinigung
des religiösen Jdeals mit dem Muster menschlicher
Schönheit, die Verkettung himmlischen Glanzes mit
dcm strahlendsten irdischen Reize. Das erklärt dieSchwie-
rigkeit treuer Wiedergabe des einzig in seiner Art
dastehenden Werkes und macht cs begreiflich, daß nur
vollkommcnc Mcistcr des Grabstichels sich an dieselbe
wagten.
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