Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur und Kunsthandel. — Nekrologe — Kunsthistorisches.

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unweit des Denkmals die Karmarschstraße und die
ehemalige pvlytechnische Schule (jetzt iibrigens ein Ge-
schäftshaus) liegt, wird doch keinc sachgemäße Prnfung
als ausschlaggebcnd bezeichnen wvllen!

Hannover, im Oktober 1883,

Georg Galland.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

Geschichte der bildenden Rünste, mit besonderer Be-
rücksichtigung der Hauptepochen derselben, dargestellt
von E, Ribbach. Mit 166 Abbildungen im Text
und 24 Vvllbildern, Berlin, Friedberg L Mvde,
1884. 8.

Die populäre Kunstgeschichtschreibung fängt an,
alt und dick zu werden! Dieser Ausruf entrang sich
unserer Brust, als wir das obengenannte, 856 Seiten
starke Buch in Großoktav zu Gesicht bekamen. Näher
betrachtet, weist dasselbe manche guten Eigenschaften
auf. Es beschränkt sich zunächst auf die Hauptepochen;
ohne dieses weise Maßhalten wäre es uatürlich noch
dicker geworden, uud für die Masse der Leser, welche
vor allem Einführung in die Kunst, nicht in die Ge-
schichte wollen, mag es genügen, wenn der Orient nnd
das Mittelalter kursorisch abgethan werden. Auch Fleiß
uud Gewandtheit sind der Darstellung nicht abzu-
sprechen. Der Stil leidet wohl bisweilen an einer
gewissen Vollblütigkeit, aber die Charakteristiken sind
meistens treffend, Einleitungeu und Übersichten klar und
prägnant.

Nur eines fehlt dem Buche durchaus, und dieser
Mangel wiegt in den Augen des strenger Urteilenden
alle geschilderten Vorzüge auf: die Origiualität. Es
ist aus Vvrlesungen und Büchern anderer zusammen-
gehört und zusammengelesen. Die Abbildungen sind
aus weitverbreitcten Werken entlehnte Clichos. Nirgends
zeigt sich auch nur die geringste Spur von eigener An-
schauung, von selbständig aus den Quellen geschöpftem
vder vor den Knnstwerken erwachsenem Urteil. Wir
möchten bezweifeln, ob die Denkmälerkenntnis des —
wir hätteu beinahe gesagt Verfassers — viel weiter
sich erstreckt als von Berlin bis Moabit.

U.

8n. Der singende Luther im Kranze seiner dichtenden und
bildenden Zeitgenossen. Diesen Titel führt ein bei H. I.
Meidinger in Berlin erschienener Quartband, der unstreitig
zu den erfreulichsten Erscheinungen zählt, welche aus Anlatz
der vierten Säkularfeier von Luthers Geburtstag die Presss
verlassen haben. „Drum thun die Drucker sehr wohl daran,
datz sie gute Lieder fleitzig drucken und mit allerlei Zierde
den Leuten angenehm machen, damit sie zu solcher Freude
des Glaubens gereizt werden und gerne singen." Diesen
Ausspruch des großen Reformators (Vorrede zu den „Geist-
lichen Liedern", Leipzig 1545) hat der als Kunstschriftsteller
verdiente Hofprediger Emil Frommel an die Spitze des
Werkes gestellt, das er mit einer lesenswerten Einleitung der
Gunst des kunstfreundlichen Lesers empsiehlt. Die „allerlei

Zierde", mit welcher Blatt siir Blatt geschmückt ist, hat
größtenteils Dürer beigesteuert, indem die Randzeichnungen
zum Gebetbuche Kaiser Maximilians, in verkleinertem Matz-
stabe facsimilirt, oine dem Original analoge Verwendung
gesunden haben. Jn Rotdruck auf mattrot getontem Grunde
umrahmen sie jeweilig die Strophen eines Liedes, welche
auf den in der Mitte ausgesparten weißen Grund gedruckt
sind. Die Rückseite der Blätter hat einen bescheideneren
Schmuck an Kopfleisten und Vignetten, die teils aus der-
selben Quelle, teils aus Druckwerken des 16. Jahrhunderts
stammen. Die ganzs Ausstattung des Buches zeugt von
gutem Geschmack; sowohl Druck und Papier als anch der
Einband machen einen durchaus gefälligen Eindruck, und
wenn am Schlusse sich alle nennen, welche an der Herstellung
des schönen Quartbandes Anteil hatten, so wird man keinein
der Beteiligten diesen „Mangel an Bescheidenheit" übel aus-
legen können. Der Drucker ist Jul. Älinkhardt, der Zeichner
der Einbandsverzierung Architekt Weidenbach, der Verfertiger
des Einbandes die Firma Hübel L Denck, sämtlich in Leipzig.

VV. Der Kunsthändler Franz Meycr iu Dresden hat so-
eben seinen neunten Lagerkatalog herausgegeben. Wir wir
bereits bei seinen Vorgängern bemerkt haben, bestrebt sich die
Firma, nur wirklich Gutes den Kunstfreunden zu bieten und
zwar von Künstlern aller Zeiten und Schulen. Von ülteren
deutschen Künstlern sind namentlich Dürer, Baldung, die
Kleinmeister, Hollar und Roos reich vertreten, von Nieder-
ländern Lucas von Leyden, Rembrandt, Ostade, Teniers, Bega,
Berghem, Dusart, Everdingen, Waterloo und van Dycks
Jkvnographie; von Franzosen die Porträtsstecher und Lie
Künstler dss galanten Genres des verflossenen Jahrhunderts.
Von neueren Meistern sind Baillie (sehr reich), Boissieu,
Wollet, Chodowiecki, G. F. Schmidt, Fr. Müller, Wille,
! Strange und Mandel hervorzuheben. Wir empfehlen übri-
gens eine aufmerksame Durchsicht des Katalogs. da sich auch
bei Meistern, die nur ein oder wenige Blätter bringen, Vor-
zügliches und Seltenes findet. Da der Kunstfreund hier ge-
gebenen Preisangaben gegenüber steht und nicht selbst, wie
! bei Auktionen, ein Limitum zu bestimmen hat, so ist eine
Auswahl leichter zu treffen.

Nekrologe.

.1. L. Gamba ch. Jn Turin starb der Professor der
Malerei, Gamba, welcher lange Jahre an der dortigen Aka-
demie als Lehrer thätig war. Er veröffentlichte auch eine
Anatomie sür Künstler mit Zeichnungen. Gamba war in
Turin geboren am 3. Januar 1831. Seine meisten Bilder
historischen Charaktsrs sind in Piemont geblieben. Jn seinen
letzten Jahren befatzts er sich viel mit Frescomalerei. Die
neusn Fresken im Dome von Alessandria, im Dome von
Chiari und in dsr neuen Kirche S. Gioachino in Turin
stammen von ihm her. Gamba hatte seine Studien teilweise
in Turin, Frankfurt a. M. beim Städelschen Jnstitut und in
Rom gemacht.

Aunsthistorisches.

1?^. Gemäldefund in Antwerpen. Vor einigen Jahren
schon hatten die Verwaltungen der alten Wohlthätigkeits-
stiftungen (Hospitale) zu Antwerpen beschlossen, eine genaue
Nachforschung nach allen Kunstwerken, die sich etwa im Bei-
sitze jener Anstalten finden möchten, anzustsllen unb ein Jn-
ventar derselben aufzunehmen. Die Arbeit war keine ver-
gebliche: man fand in dsn alten Magazinen, Bodenräumen,
und dergl. viele ausgerollte Leinwanden in einem allerdings
wenig bsneidenswerten Zustande, deren Reinigung indes, die
unter Aufsicht der kömgl. Kommission für Erhaltung der
Kunstdenkmäler stattfand, manchemMeisterwerke der altflandri-
schen Schule sowie der großen slandrischen Maler des 16. und
17. Jahrhunderts zur Auserstehung verhalf. Von den auf-
gesimdenen Gemälden, im ganzen 143 an Zahl, sollen nun
etwa 1U0 der vorzüglichsten in einem provisorischen INuseum,
wozu die Kapelle des alten Waisenhauses in der Rue de
llHöpital umgewandelt wird, ausgestellt werden, bis die
Stadt im städtischen Museum oder sonstwo einen geeigneteren
Raum sür die Sammlung, die nls Ganzes vereint bleiben
soll, hergestellt haben wirv. Da nämlich das Defizit Ler
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