Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Aus deiu Wiener Künstlerhause.

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Berlin nach Schluß der Ausstellung das rein wissen-
schastliche und technische Material überiviesen werden
sell; das Kunstgewcrbe-Museum erhält einen großen Tcil
dcr bezüglichen Arbeiten sofort, einen anderen Teil später:
damit gelangt dreiviertel dcr ganzen Samm-
lung als Geschenk in öfsentlichen Besitz. Diese ^
hvchherzige Schenknng verdient doppeltc Anerkennung in
ciner Zeit, >vv aus kleinlichen Riicksichteu gegen dic Er-
iverbnng einer Sammlung gesprochcn wird, die unter
allen Umständen — schon ans patriotischen Gründen — I
fiir Bcrlin envorben werden mnß und erworben wcrden
kann fiir eine Bagatellc. Jedenfalls hnt sich dcr jnnge
Gelehrte durch seine Reisen, Sammlnngen und Stift-
ungen um Wissenschast und Vaterland hoch verdient
gemacht.

Aus dem N)iener Aünstlerhause.

Wien, 10. Dezember 1883.

UI Die Kiinstlergenossenschaft hat sich im verflossencn
Sommer dadurch allgemeinen Dank verdient, daß sie be-
müht war, auch während der toten Saison dem Publi-
knm Neues und darunter Vortreffliches vorzuführen.
Jn mehreren Scrien wurden Stndien, Skizzen und voll-
cndetc Werke moderner Meister im Künstlerhause znr
Ausstellung gebracht; außerdem war sür die Hersteltung
einer Kunstabteilung in dcr elektrischen AuSstellung zu
sorgcn. Über die letzterwähnten Bemühnngen hat die
Knnst-Chronik schon vor cinigcn Wvchen benchtet. WaS
die Ausstellungen im Kiinstlcrhanse betrifft, sv muß er-
wühnt werden, daß unsere besten Namen darin jc durch
mehrere bcdcutende Werke vertreten ivaren nnd daß anch
sonst manch hübsches Bildchcn, manch gute Zeichnung
sich eingesunden hatte. Angcli's Porträts (Windisch-
grätz und Larisch), Canons und Makarts Bildnisse,
solvie des letztercn Cyklns von neun Bildern zu WagnerS
Nibelungentrilogie boten viel Jnteressantes, an das sich die
Aguarelle von E. v. Lichtcnfels (meist Motive aus der
llmgebung von Abbazia) würdig anreihten. Auch R- Ruß,
Darnaut, Ditscheiner miisscn genannt werden. Me-
zvly hatte eine Reihe von koloristisch sehr fein be-
handelten Studien ausgestellt. H. Otto's Zeichnung
einer schilfbewachsenen llfcrgegend aus dem Prater war
von sauberster Ausführung. Einige wirkungsvolle Skizzen
verdankte man auch Jos. Hoffniann. Ganz besonders
hervorzuheben sind L- H. Fischers Ölstudien aus dcm
Süden (aus Ägypten, Palästina, Tunis rc.), die von
neuem auf das große Talent des KünstlcrS aufmcrksam
machten. Fischer war auch durch seine bei H. O.
Micthke erschienenen Radirungen nach südlichen Land-
schafteu vertreten. — Nette Gcnrcbildchen wären uoch
zu ermähnen von Golz („Jin Walde") und Frvschl.

Nicht die geringste Bedeutung auf der Sonimer-
ausstellung beanspruchten aberdieAquarelle I. Selleny's,
die der leidcr so früh verstorbene Künstler nach K. Rvtt-
manns griechischeu und italienischen Landschaften in
München angeferligt hatte. Wer sich das traurige
Schicksal vergegenwärtigt, welchem die Rottmannschen
Wandgemälte in den Arkaden des Münchener Hof-
gartens cntgegcngehen, wird gewiß darüber erfreut sein,
diese Bilder in so trefflichen Kopien von kongenialer
Hand crhalten zu ivissen. Selleny's kleine Aquarelle
leisten nn Treue und Virtuosität der Wiedergabe das
denkbar Höchste. Es ist erfreulich, daß diese Nach-
bildungcn in den Besitz einer öffentlichen Sammlung
übergegangen und somit nun vor Zersplitterung ge-
sichert sind. Sie wurden nämlich Vvn der Wiener
Akademie der bildcnden Künste angekauft und werden
gcgenwärtig in deren rcichhaltiger Handzcichnungensamm-
lung aufbewahrt.

Scit Anfang Novcmber war im Künstlcrhanse die Gc-
mäldcsammluiig des Herrn W. R. Spranger ausFlorenz
zur Schau gestellt. Sie war für uns nicht unintercssant,
weil wir darin eine Menge guter moderner italienischer
Maler in ziemlich geschlossener Reihe vorsanden, Künstler,
die in Wien sonst nnr aus einzelnen Bildern kennen zu
lerncn waren. Da fanden wir die verschiedcnslen Werke
von Andreotti mit ihrer flotten Malerei, ihrer rosen-
roten Karnation; daneben Bedini, Calosci, Conti,
Gelli, Vinea, lauter Feinmaler, deren Technik unleug-
bar virtuos ist, an denen uns aber manches andere mehr
abstößt als anzieht. Wozn stecken sie auch ihre Modelle
sast dnrchanS in Kvstüme des 17. Jahrhunderts, da sie
dvch nichts anderes zu erzählen wissen als Vorgänge aus
dem gewöhnlichen Leben? An großen Stulpstiefeln und
breitkrämpigen Hüten ist also kein Mangel. Seltener
begegnet uns Rococo und Empire, nur vereinzelt ein
modernes Kleid. Dies gilt wohl nur gerade von dieser
Sammlung italienischer Maler, nicht aber im allgemeinen
von der heutigen italienischen Malerei, die doch so
manchcn Griff ins volle modcrne Leben anfznweiscn hat.
Der Gcschmack dcS Sammlers komnit hicr zum Ausdruck.

Chierici ist unter der Malern der Sprangerschen
Kollektion einer von den wenigen, die uns zu modernen
Menschen sührcn. Er thnt dies in einer etwas gelecktcn,
süßlichen Weise, obwohl er Scenen in einer ärmlichen
Küche darstellt. Milesi verfetzt uns auf einem in
breitcr, fast roher Manier gehaltenen Bilde in dcn
Arbcitsranm italicnischer Perlenfasscrinnen. Anch Orfei
hat in seinem Restaurator von Blajoliken einen mo-
dcrnen Stoff gewählt. Der handfertigste nnter allen
dürste der Florcntiner Fr. Vinea sein, unsereni Publi-
kum seit Jahren durch seiue seiiien Bildchcn mit Lands-
knechtcn und Kellnerinnen bekannt, die wohl meist ein
weuig geziert geraten sind nnd einen vcrschivenderischen Ver-
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