Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunsthandel. - Nekrologe. — Äunstunterricht und Kunstpslege.

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trauernden Engcln angebracht ist. — Dcn Sockel des
Gcmzen bilden dreizehn kleinere Abteilungen mit den
ebcnfalls auf Goldgrund dargestetlten Halbfiguren des
Erlösers und der zwölf Apostel. Die ganze Ancona
ist gegen 6 ' hoch. Unter dem Mittelbilde die sehr
schön erhaltene Jnschrift: 8oo öxus snintibns Oomini
Lmtonii cks Lbaritnts oanonioi eoolosias än 6on-
vsrsnno in tormanr rsäg.stnm sst 1475. — Wenn
anch im architektvnischen Teile der Umrahmnng stark
beschädigt, sind die Malercien doch sehr wohl erhalten
und niemals restaurirt; ein Umstand von ganz unschätz-
barem Werte. — Es wurde für dieses Bild die Summe
von 16 000 Frs. bezahlt.

Eine ganze Reihe interessanter alter Gemälde fand
cndlich, nach langen Vorbereitungen, ihre Aufstellung
in dem Korrivor, durch welchen früher, ehe der Ein-
gang durch das Hauptthor wieder hergestellt wurde
(direkt nach dem Saale der Assunta), der Fremde die
Sammlungen bctrat. Man vereinigte hier mit diesen
aus dem Vorrate neuhinzugekvmmenen Bilder älterer
Schulen vielerlei Bilder der frühesten venezianischen
Kunst, welche bisher verloren da und dort in der
ganzen Galerie zerstreut waren. Es sind unter diesen
21 neu zur Aufstellung gelangten Bildern folgende
besvnders hervorzuheben:

1. Squarcione, Kreuzigung. Kleine Figuren.
Christus hat ausgelitten, alles wendet sich zum Weg-
gehen, die drei Marien und Johannes stehen laut
weinend unter dem Kreuze. Der römische Hauptmann
wendet sich, ehe er den den Berg hinabziehenden be-
rittenen Kriegern folgt, noch einmal gläubig nach dem
Gekreuzigten um; in der Ferne, reich aufgebaut, Jeru-
salem. Sehr merkwürdig bei diesem sriihen unbezeich-
neten Biloe das Abwärtsschreiten aller vom Rücken
gesehenen Pferde, welche sich, eins hinter dem anderen,
perspektivisch verkleinern.

2. Eine Krvnung der Maria in der Mandorla,
musizirende Engel, hinter deni Throne bezeichnet: 1375.
7 äsl insso muiro Obutlisrino pinxit. Auf Goldgrund.
1 in hvch.

3. Antonio Veneziano, ein kleines Altärchen
in sechs Abteilungen: Verkündigung. Mittelbild: Ma-
donna; S. Girolamv, San Giovanni in den beiden
Flügeln.

4. Simone da Gusighe: Reicher Altaraufsatz,
aus neun Abteilungen bestehend. Jn der Mitte das
Hauptbild: die Madonua, unter ihrem schützenden
Mantel cine Brüderschaft bergend. Jn den übrigen
acht Feldern Geschichten des Bartholvmäus. Jn langer
gvtischer Ausschrift bezeichnet und mit der Jahrcszahl
> 304 versehen. — Auch dieses Altarwerk ist nie restaurirt
und die Umrahmung reich bemalt.

5. Von demselben aus dem bei Bellunv gelegenen

Orte Gusighe stammenden Meister eine Tasel mit vicr
Pnssionsdarstellungen, bezeichnet. 1396.

Hier fand auch das große Altarbild des Marcv-
bello dal Fiore aus deni Dom von Ceneda Auf-
stellung, welches schon früher in diescr Zeitschrift be-
sprochen wurde, eine Krönung Mariens mit vielen
Heiligen und Engeln vom Jahre 1436. Für dieses Bild
wurden 10 000 Frs. bezahlt.

Da auch einige kleinerc Bilder des Seniitecolv,
das bekannte des Jacopv Bellini sowie Gentile
Bellini's San Lvrenzo Giustinian hier aufgestellt
wurden, so gewährt diese ganze Reihe einen sehr belehren-
den Einblick in die älteste venezianische Kunst und ist diese
Bereicherung der Galerie, in Verbindung mit anderen
Neuerungen daselbst, ein erfreuliches Zeichen des durch
die Eintrittsgelder ermöglichten Fortschrittes. Die Ein-
nahmen betrugen übrigens im letzten Jahre 17 000 Frs.,
4000 weniger als im Jahre 1882.

A. Wolf.

Aunsthandcl.

VV. Dcr spätgotische Schnitzaltar in dcr Nikolaikirche zu
Bielefeld, eins der reichsten und mnfänglichsten Werke dieser
Art, welchs sich auf westfälischem Boden befinden, ist vor
kurzem von dem Photographen Schlitzberger aufgenommen
und in Lichtdruck herausgegeben. Eine Erläuterungsschrift
(Druck von Velhagen L Klasing in Bielefeld) giebt eine ein-
gehende Beschreibung des im Jahre 1LV9 von einem uoch
nicht ermittelten Meister ausgesührten Werkes, dessen Flügel
innen und außen mit Malereien (Scenen aus der Geschichte
Christi und der Konstantinlegsnde) geschmückt sind, die eben-
salls dem ersten Viertel des 10. Jahrhunderts angehören
und in den fünfziger Jahren restaurirt worden sind. Das
Schriftchen enthült auch Nachrichten über die Baugsschichte
der Kirche und die in ihr vorhandenen Werke der Kleinkunst.

Nekrologe.

6. v. bV Graf Edoardo Arborio Mella, gleich geschätzt
als praktischer Architekt wis als Kunstforscher, 'ist am
8. Januar zu Vercelli in hohem Alter gestorben. Er ist der
Erbauer der Kirche S. Giovcmni zu Turin und leitete die
Restaurirung der Dome von Alba, Chieri, Monferrato und
Ventimiglia. Von seinen Schriften ist ein Werk über den
gotischen Stil (bllsmeiiti äsll'arctiitsttuiki Aotico.) und die
Monographie über S- Andrea zu Vercelli hervorzuheben.

Aunstunterricht und Aunstpflege.

L^t. Giltachten über die Keimsche Mineralmalerei. Am
2. Mai 1882 hat die königl. Akademie der bildenden Künste
in München dem Erfindsr der Mineralmalerei Herrn Adols
Keim ein höchst günstiges Gutachten über diese von ihm ge-
machte Erfindung ausgestellt und jüngst haben mehrere Maler
und Sachverständige sich in einem gemeinschaftlichen Schrist-
stücke darüber in der Hauptsache ausgesprochen wie folgt:
„Daß dieses Verfahren an Beständigkeit und Wettersestigkeit
der iu ihm ausgeführten Gemälde jede bisherige für Monu-
mentalmalerei angewendete Technik weit übertrrfst." Weiter-
hin sagt das interessante Schriftstück: „Gar nicht abzusehen
nber scheint den Unterzeichneten die Tragweite der Erfindung
für die dskorative Architektur, welche sich an der Hand eines
wetterbeständigen Verfahrens ganz nsue Bahnen eröffnet
sieht." Dann heißt ss: „Die Unterzeichneten wünschen und
befürworten, daß die Mineralmalerei in den Lehrplan der
Akademie der bildendsn Künste in obligatorischer Form
aufgenommen und an dieser Anstalt fachmäßig vorgetragen
werde. Auch begrüßen sie mit Freuden das von Herrn Keim
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