Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Noch einmal der Meister des Otto-tzeinrichs-Baues.

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hüllt den Arm bis zum Handgelenk mit einem an-
liegenden Armel; nirgends zeigen sich bei den iibrigen
Gewandstatnen die gleichen Merkinale. Allein Colins
kbnnte sich auf die Portalfiguren und die mit ihnen
zusammenhängenden Arbeiten beschränkt nnd die iibri-
gen ganz und gar seinen Gesellen überlasscn habcn.

Gesetzt, diese Auffassung sei die richtige, so würde
zwar das Urteil iiber die plastische Kunst des Colins,
nicht aber das bei den früher an dieser Stelle geführ-
ten Untersnchungen beabsichtigte Nesultat verändert
werden. Denn es hätte in Wirklichkeit der Verschieden-
heit der Statuen nicht bedurft, um die Verschieden-
heiten des Stilcharakters überhaupt nachzuweisen,
wenngleich über das Figürliche im ganzen nicht hinweg-
gegangen werden konnte. Ohne Betrachtung der Putti
komnit man nicht aus. Der besondere, den Reliefs
der Portalarchitektur und den Genien der Fenstergiebel
verwandte Wert der Thürkrönung mit dem Knaben
in des Kurfürsten Zimmer ist auch dem geübten
Auge Lübke's aufgefallen, während alle übrigen Putti
des Jnneren ebenso wie die Kinder bei der Caritas,
dem Saturn und der Venus eine etwa rohere Auf-
fassung des Kindesäußeren zu dokumentiren scheinen.
Nun hat nach dem Vertrage Anthoni an einer^) Thür
jedenfalls gearbeitet und mindestens die beiden im
Vestibül und „Borzimmer" 2) wird man ihm lassen
müssen. Es bleiben ihm aber auch wvhl die Thüren
mit den Balustern im crstcn Zimmer, ^) welchc an
ihren Laibungen keine flachen Ornamente zeigcn, wie
sämtliche dem Colins zugcschriebenen Thürgestelle. Allc
diese Arbeiten beweisen die Verwandtschaft mit der
Fassade zur Genüge, und wenn die Elimination von
Fischer und Heyder demnach als schlüssig betrachtct
werden darf, so bleibt die künstlerische Jdee der Fassade
dem Anthoni. Fischer konnte von sich ans dic Her-
stellung z. B. der Pntten der Fenstergicbel nicht beab-
sichtigen, während der außerordentliche Reichtum der
Skulptur geradezu als der Zwcck der an und für sich
timiden Architcktur des Bauwerkes erscheint und auf

1) Lübke's Ansicht in diesem Punkt hat große Wahr-
scheinlichkeiten für sich, kommt aber übsr dsn Singular des
Vertrages nicht hinüber; sollte sich „das Thürgestell" kollek-
tiv verstehen lassen? Wollte man annehmen, daß überhaupt
nur eine einzige Thür angefangen war, so würde zwar die
Zahl dsr Thüren zu erklären sein, nicht aber ihre Stilver-
schiedenheit. Für die Aufstellung eines dritten selbständigen
Meisters findet sich zur Zeit weder eine Wahrscheinlichkeit
noch ein Bedürfnis.

2) S. Fig. 7 und 8 der Zeitschr. (S. 115.)

3) Ohne Krönungen, was der Ausrechnung unserer ersten
Aussührungen zu Hilse kommt. Die Thür im Friedrichs-
bau ist wohl eine späte Kopie. — Das „Vorzimmer" faßt
Rosenberg jetzt als Zimmer der Leibwache; es wäre wohl noch
richtiger als Portierzimmer aufzufassen.

einen Bildhauer als Ersinder hinweist. Jn dem ori-
ginellen Wurfe, ein ganzes Fähnlein von Statuen an
der Fassadc aufmarschiren zu lasscn ohne glcichwohl dic
Ruhe und Einfachheit der Architektur zu störcn, beruht
das Wesen ihrer bezaubernden Erscheinung. Dadurch,
daß ein Späterer diese Statuen bildete, wird unsere
Erwägnng nicht betroffen, und nicht minder blcibt die
Erklärung des Vertrages bestehen rücksichtlich dcr Re-
konstruktion des in ihm enthaltenen ersten Entwurfes
Das aber waren die beiden wesentlichsten Ziele unsercr
Untcrsuchung.

Dennoch sind wir der Frage nach dem Autor der
Portalfiguren so nahe getreten, daß eine Revision der-
selben geboten ist. Zunächst muß zngegeben werden,
daß es seine Mißlichkeiten hat, die sechs Bilder ob
(llber, auf) den Gestellen als Thürkrönungen aufzu-
fassen, da sie thatsächlich über das Maß von fünf
Schuhcn mit den Ausläusern ihrer Ornamente hinaus-
gehen; im Text ist hier ein „ea." weggeblieben, weil
der Verfasser bei der Korrektur die Tragweite dieses
Punktes nicht entsprechend beachtete. Allein man be-
sindet sich gegenüber den Portalsiguren in derselben
Kalamität. Allerdings messcn Lic Karyatidcn fünf
Schuh; es ist jedoch sowohl gegenüber dem ganzen
Verhältnis des Portals zur Attika und des unteren Ge-
bälks zum oberen, als gegenüber den unter allen
Uniständen viel größeren übrigen Figuren der Fassade
einc äußerst häßliche Vorstcllung, sich dic Atlanten
nicht größer zu denken als die Karyatiden. Freilich,
an sich beweist dies nichts. Mögen wir aber annehmen,
daß die Partcien des Vertrages in cineni Zimmcr vor
dem Plane, oder daß sie im Hvf vor der schon ver-
setzten ^) Portalarchitektur stehend verhandelten, so war
für die ganzcn Atlanten — und man muß doch wohl
voraussetzen, daß sie mit den Plinthen aus einem
Stück gearbeitct werden solltcn — der Ranm von
sieben Schuhcn unumstößlich festgegcben, dessen Tren-
nung in Plinthe und Fignr dem Ausführenden gegen-
über mindestens gezwungen erscheint. 2) Der Raum der
Thürkrönungen dagegen war ein gegebener nicht; es
ist nicht einmal nötig, daß sie in bestimmten Maßen
aufgezeichnet waren, vielmehr können sie als Skizzen
des Bildhauers gedacht werden. Und hier fällt ins
Gewicht, daß die von uns dem Anthoni zugeschriebenen
ZimmerthUren in der Säulenmitteldistanz bis anf
Fingerbreitc genau fünf Schuh messen, während die
übrigen ein gleiches Maß nicht berücksichtigen.

1) Es ist anzunehmen, daß man zur Zeit des Vertrags
mit dem Versetzen der Fassade etwa soweit gelangt war, daß
die vier Fensterpfosten im zweiten Stock erwünscht waren,
also etwas über das Gesims des ersten Stockwerkes.

2) Dabei kann man die projektirten Plinthen immerhin
als zwei Schuh hohe Postamente auffassen.
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