Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Rom auf alten Bildern.

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das Bild in der Kirche nur schwcr zu sehen ist, so ist
derjeuige glücklich zu preisen, wclcher es jetzt, auch trotz
aller Restauration, so beguem im vollen Lichte seheu
kanu. Wer es zum ersteumale sieht, und infolge desseu
keiue Vergleiche anstellen kaun, wird, von der Pracht
dieses vielleicht schönsten Bildes Tizians gefesselt, sich
gestehen müssen, wohl kaum je etwas Schöneres ge-
sehen zu haben. Die Bauarbeiten in der Frarikirche
sollen noch einige Monate dauern und das Bild also
noch so lange im Dogenpalaste ausgestellt bleiben,
bis es wieder auf seinen dnnklen Altar zurückkehrt.

Abgeschen von der in diesen Blättern, Jahrgang
1877, S. 9 u. ff., gegebenen Beschreibung unseres
Bildes dürfte es an dieser Stelle nicht überflüfsig sein,
noch solgendes nachzutragen. Tizian bekam dafür Vvm
Befehlshaber des päpstlichen Heeres, Giacomo Pcsaro,
Bischos von Paphos auf Cppern, welcher das Bild zur
Erinnerung an seine Teilnahme am Siege und der
Einnahme von Sta. Maura durch die Venezianer
bestellte, 102 Dukaten. Diese Summe ward in zehn
Abschlagszahlungen erlegt, welche mit dem April
1519 begannen und mit Mai 1526 endigten. — Die
Quittung Ubcr die ganze Summe von Tizians Hand
befand sich noch 1822 im Archive der jetzt erloschenen
Familie Pesaro. Das Patronatsrecht auf das Bild
steht gegenwärtig der Familie Mocenigo zu. — Über
früherc Restaurationcn des Bildes konnte ich nur in
Erfahrung bringen, daß es vor 1815 neu gefüttert
ward und überarbeitet durch Giuseppe Bertani und daß
dann der obengenannte Konservator Fabris es 1842
einer gründlichen Restauration unterzog, da es durch
eincn die Kirche beschädigenden, besvnders starken
Regenguß, der sich wohl zwischen Bild und Mauer er-
gossen hatte, stark beschädigt worden war.

Ein anderes Hauptwerk Tizians, seiner früheren
Zeit nngehvrig, hat nun Fabris unter den Händen.
Es ist jene kleine Altartafel, welcher die Besucher Vene-
digs sich aus der Antisagrestia der Kirche dcr Salute
erinnern und welche S. Marco darstellt, umgeben von
anderen Heiligen, nnter welchen sich besonders der
wundervolle, ganz Giorgioneske Sebastian auszeichnet.
— Das Bild, schon früher von Fabris restaurirt, hat
nun von neuem, wegen Herabfallens der Farbe, eine
Kur nötig. — Die armen Bilder falleu alle der
seuchten Lust in den hiesigen Kirchen zum Opfer. Jm
Frühlingc besonders rinnt das Wasser an den Kirchen-
wänden und Bildern herab und richtet in den kürzesten
Zwischenräumen unglaubliche Zerstörungen an letzteren
an. Die Frage drängt sich auf: „Was mag in weiteren
400 Jahren aus allen hiesigen Bildern Tizians ge-
worden sein?" PV.

Rom auf alten Bildern.

Zwei römische Kunstforscher, Stephcnsvn nnd
Erculei, haben hvchst interessante Studien angestellt
Uber die Denkmäler Roms, wie dieselben in den Bildern
des Mittelalters und der Renaissance zur Anschauung
gelangcn. Jn Abtvesenheit des Herrn Stephcnson las
Hr. Professor Gutti über diese Forschungcn in dcr letzten
seierlichen Sitznng des deutschen archävlogischcn In-
stitutes, welches am Geburtstage Rvms den Cyklus
seiner ösfentlichcn Wintersitzungen zu schließen pflegt.

Wir entnehmen dem bemerkenswerten Vortrage
folgendes: der Zweck der beiden Autoren war hanpt-
sächlich der, eine Parallele zu ziehen zwischen dem
Studium des Altertums und der Wiedererstchnng der
zeichnenden Künste.

Das älteste Bild, welches den Forschern unter
obigen Gesichtspunkten bekannt wurde, ist Giotto's Ge-
mälde im Louvre, welches die Vision Jnnvcenz' III.
darstellt, in welcher der genannte Papst den heil. Fran-
ziskus von Assisi in dem Augenblicke sieht, als er dcu
einstürzenden Lateran mit seinen Schultern stützt. Auf
dem Bilde ist die alte Faffade der Laterankirche mit
ihrem Portikus und ihren Mvsaiken sichtbar. Ilutcr
den späteren Bildern Lieser Gattung citirte nian neben
vieleu andern hauptsächlich eines von Spinello Arelinv
in der Kirche von San Miniato in Florenz und cins
in der Kirche von San Francescv in Arezzo; jcne von
Gentile da Fabriano in der Gemäldegalerie inNeapels?),
welche auf einem Madonnenbilde die Mauern Rvms,
die Pyramide des Cajus Cestius veranschaulichen; jene
von Benozzo Gozzoli in Ler Kirche von San Gimig-
nano mit einer sehr schöueu Ansicht von Rvm, auf welcher
der alte Senatorenpalast, das vou Alexander VI. zcr-
störte Pyramidengrab auf der Bia triumphalis, ver-
schiedene Triumphbögen :c. zu erkennen sind; die Gc-
mälde von Pietro Pcrugino nnd Sandrv Botticelli in
der Sixtinischen Kapelle mit dem Cvnstantinsbogcn; die
Bilder des Ghirlandajo aus der römischeu Geschichte
(in der Galerie des Fürsten Colonna in Nvm) mit
dem Pantheon, mit der Trajans- und Antvninssäule;
in Siena erinnert man an die Kapelle im Nathause;
in der Benediktinerkirche in Monte Oliveto Maggiore
an die Darstellungen Sodoma's vom Kolosseum, Vvm
Hadriausgrab und vom Forum Romanum. Ahnlich
wie Svdoma, der häufig auf seinen Bildern römische
Bauten anbrachte, verfuhren Filippino Lippi, Hol-
bein rc. rc. Nur Raffael mnchtc nach Ansicht der
Autoren eine Ausnahme; selbst in der Begegnung
Attila's mit Leo dem Großen, welche er in der Sala
d'Eliodoro im Vatikan malte, zog er es vor, eine reiu
phantastische Darstellung dcr sogenannten Cittü Levuina
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