Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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19- Iahrgang.

Beiträge

sind an j?rof. Dr. L. von
Lützow (wien, There-
fianumgosse25) oderan

Eeipzig, Gartenstr. 8,
zu richten.

2 s. August

Nr. ^s.
Jnsorate

L 25 s)f. für die drei
Mal gespaltene s)etit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Runsthandlung
angenom7nen

s88H.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


Inhalt: Die Marienburg und ihre wiederherstellung. — Die Ausstellung des Runstvereins zu s)osen. — G. Lberlein s; Mi Thausing s. —Inven-
tarisirung der thüringischen Aunstdenkmäler; Lrhaltung der Aunstdenkmäler und Altertümcr in s)reußen. — Ausgrabungen in Epidaurus. --

Berliner Aunstgewerbemuseunis. - Aus Hildesheim ; Lasa de' Zuccheri in Rom; Lrrichtung von zwei Museen in Rom; Dreihundertjähriges
Iubiläum der Geburt von Frans Hals; Brand der Armeria in Madrid; Raffaels Grab; Archäologische Gesellschaft in Berlin; Inter-
nationale Aunstausstellung in j)etersburg — Bersteigerung der Leigh Tourt Gallery in London. — Reue Bücher nnd Zeitscbriften.

Kunstchroiiik Rr 42 erschcint nni 4. Septembcr.

Die Alarisnburg und ihre Wiederherstelluiig.

Wic der Kölner Dom durch seine Schönheit, seine
Größe und seine eigentnmlichen Schicksale zu einem
nationalen Heiligtum geworden ist, so hat die Marien-
burg eine gleiche, eine ähnliche Bedeutung erlangt. Jhre
Lage im fernen Osten ist der Hindcrungsgrund, daß
sie nicht zu dcrselben Volkstnmlichkeit im gesamten
Deutschland gelangt ist, wie ihr westlicher Nebcnbuhler
am ewig schönen Rhein. Dafür nimmt sie jcdoch in
den östlichen Provinzen nnbestritten die gleiche Stellung
ein, und sllr die gebildeten Kreise Deutschlands hatte
ihr Name stets einen eigentümlichen zauberhasten
Klang. Freilich erst wieder vom Beginn dicses Jahr-
hnnderts an! Langc Zeit tiefen Verfalls und schnvdcr
Frcmdherrschaft hat auch sie erdulden nmssen, vieles
Leid ist ihr angethan, nahe war sie am völligcn Ver-
derben, vergessen war die Marienburg, die, als die Resi-
dcnz und der Hauptsitz des niächtigsten und cdelsten
Rittcrordens, einst mit ihrem Nuhme, ihrem Glanze
Morgen- und Abendland erfllllt hatte. Und wie beim
Kölner Dom die Rettnng nur durch den zufälligen
Bcsuch eines begeistcrten und sachkundigen Altertums-
sreundes herbeigeführt wurde, sv hinderte auch hier
nur die ganz zusällige Durchreise Friedrich Gilly's
im Jahre 1794 die Burg vor gänzlicher Zerstörnng
nnd Vernichtung. Bald nach seiner dteise kamen
Lic Freiheitskriege gegen die Napoleonische Willkllr, cin
Sturm nationaler Begeisternng brauste durch das Land,
kein Wnnder, daß man in der Provinz, von wclcher

der erste Anstoß zu der Erhebnng ansgegangen war, auch
äußerlich den Hcldenthaten cin Denkmal setzcn wollte.
Keinem Geringeren, als dem Burggrafen von Schön,
dem großen preußischen StaatSmann, ist es zu danken,
daß unter der Teilnahme König Friedrich Wilhelms III.
eine lcbhafte Bewegung zn gnnsten der Marienburg,
die durch ihre geschichtlichen Bezichungen recht eigcnt-
lich ein Symbol deutschen Geistes und dentscher Tapfer-
keit war, entstand, daß man allerorten Beiträge sür
ihre Wiedcrherstellung und ihre Neuschmückung sammelte,
nnd wenn anch damals das geplante Werk nur teil-
Weise zu Endc geführt wcrden konnte, und wenn der
Arbeit manche Fehler, die wir zum Tcil rccht schmerz-
lich empfinden, anhaften mögen, so ist es doch ein un-
vergängliches Verdienst, in einer so geldarmen Zcit dcn
Sinn für das Jdeale in eincm so fchönen Sinne er-
wcckt und lebendig gehalten zu haben.

Die Arbeit, die damalS ans mnncherlei Grllnden
halbvollendct liegen blieb, wurde darum nicht ver-
gessen. Bei der zunehmenden Bedeutung nnd Macht-
stellung Prenßens mehrten sich die Stimmen, die sich
für eine gänzliche Durchführung des Wcrkes aus-
sprachen, und als gar dem greiscn Kaiser und seinem
Kanzler die Neuerrichtung des deutschen Reiches ge-
lungen war, begann man es imnier eindringlicher alS
Ehrenpflicht der dentschen Nation zn bezeichncn, die
Marienburg ob ihrer Schönheit und ihrer Bedeutung
gänzlich wiederherzustellen. Die Prcußische Negiernng
ließ es denn auch nicht an Entgegenkommen fchlcn.
Kanm war der Kölner Dom im Änßcren fertig,
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