Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die Ausstellung des Kunstvereins in Posen,

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der Wiederbelebung und Neugeburt unseres Kunst-
gewerbes.

Verläßt man nun dieses Haus, das mit wahrhast
fürstlichem Luxus, mit staunenswertestcr Pracht und mit
edclster Harmonie der Verhältniste*) ausgestattet ist,
so gelaugt man über einen Festungsgrabcn zum Hoch-
schloß, dcm eigentümlichsten und charalteristischsten Teil
des Ganzen, Jn der Anlage dieses 61 m langen, 53 w
breiten und 20 in hohen Baues, der in seinem nörd-
lichen Teile, und zwar gegen Osten zu, die Kirche und
Kapclle der Burg in sich schließt, offenbart sich zumeist
und am unmittelbarsten die ganze Svnderart des
Ordcns mit seiner Mischung vvn Mvnchtum uud
Rittertum, mit sciuer dvppclten Bedeutung als kriege-
rischer und kultureller Macht: während der Hof mit
scincm Krcnzgang an das stille, träumerische, von dcr
Welt abgeschlostene Leben der Mönche erinnert, weisen
nns die stvlzen hohen Mauern, die ragenden Zinnen
auf die kriegerische Thütigkeit und stete Kampfbereit-
schaft der Rittcr hin, — Jnfolge der vielfachen Be-
lagernngen hat dieser Mittelpunkt der Festungsanlage
am meisten Schaden gelitten. Unter polnischer Herr-
schaft (1466—1772), wo hier einc Starostei eingc-
richtet wurde, schwand das Verständuis für die Schön-
heiten und Eigentümlichkeiten der Burg, wie in jener
Zeit ja überhaupt das Jntereste an mittelalterlichen
Bautcn, so daß den Polen eigentlich kein direkter Vor-
wurf wcgen des Verfalls des Schlvstes zu machen ist;
uud sv überkam dann schließlich Friedrich der Große,
als er Westpreußen zurückgewann, die Marienburg als
cinc Nuinc. Man kann es darum dcm praktischen
Sinne des großen Mvnarchen nicht verargen, wcnn er
hier eine Kascrne und ein Getreidcmagazin einrichtete,
Er handelte offenbar nicht in dem Gedanken und mit
der Absicht, cine Barbarei zu begchcn, und er that es
schließlich nuch gar nicht, denn es war kaum nvch etwas
zu zcrstvreu, Er hatte indestcn doch so viel Achtung
vor der ehemaligen Bestimmung des Gebäudes, daß er
es nicht ganz schmucklos ließ. Daß der Zierat, den
er anwandte, kein echter war, sondern ganz der Kunst-
weise jencr Zeit entsprach, ist wiederum nicht seine
Schuld, svndern die sciner Zeit. Das nach Süden ge-
richtete Eingangsportal ist für jene Zeitläufte gar nicht
übcl, es ist mit ciner gewisscn Vvrnehmheit hergestcllt
und cbcnsv ist nach dem Hose zu mauches Schnitz- und
Bildwerk angebracht worden,

(Schluß folgt.)

*) Die eigennrtige, an Palnien srinnernde Gewölbebil-
dung dürfte nicht mit Unrecht auf das Vorbild der englischen
Kapitelhäuser zurückzuführen sein.

Die Ausstellung des Aunstvereins zu poseu.

Vvn den vcrschiedenstcn Ortcn laufen Nachrichten
ein iibcr veranstaltcte vder beabsichtigte Ausstelluugeu
von Kunstwerken, die sich im Privatbesitz befiudeu.
Voriges Jahr rief man in Berlin aus Anlaß der sil-
berncn Hochzeit des dcutschen Kronprinzen-Paarcs ein
derartiges Untcrnehmen ins Leben, desgleichen dieses
Friihjahr zn Dresden und Kassel, und für den Herbst
beabsichtigt man ciu ähnliches in Kvblenz, während es
in Posen, das so lange in der bildenden Kuust sich
durch beharrliches Schwcigeu und Nichtsthun in wenig
vortheilhafter Weisc auszeichnete, die erste That des
Kunstvereins ist, llber dessen Gründung wir kürzlich
berichteten. Das glückliche und erfolgreiche Beispiel,
das Münster im Jahre 1879 gegeben, scheiut svmit
die Sache zu einer reinen Mode gemacht zu haben.
Gestehen wir es aber vvn vornherein, diese ncueste
Mvde ist ausuahmsweisc eine höchst erfreuliche, und
man kann nur dringend wünschen, daß auch die zahl-
reichen noch im Rückstand besindlichen Städte oder
Landschaften recht bald nachfolgen mögen, Namenttich
für die Kunstvereine ervffnet sich hier ein weites und
großes Feld dcr Thätigkeit. Wenn es nämlich auf der
eiuen Seite schr erfrculich ist, daß dic Zahl dicser
Vereine in Dcutschland so bedeutend zugenvmmen hat,
daß wir zur Zeit etwa auf 70 rechnen dllrfcu, so ist
doch andererseits nicht zu verkennen, daß ihre Lcistungs-
krast und ihre Leistungsfähigkeit an vielen Orten zu-
rückgegaugen ist, Frcilich zumeist ohne ihre Schuld,
Die Ursache licgt viclmchr in der Umwälzung dcr mo-
derncn Verkehrs- uud Wirtschastsverhältnisic, in der
dadurch bewirkten Erleichterung der Möglichkeit sür
jeden großen Künstler, scine Werke sofvrt nach den
Hauptstädten, wo er schneller auf Ruhm und Absatz
hoffen darf, zu schaffen und dann auch besonders in
der vft geschildcrten „Überproduktion". Jcde Stadt
will jetzt ihre periodisch wiederkehrende Kiinstausstellung
haben uud gründet zu diesem Behuse cineu cigcuen
Verein. Wo sollen aber alle die Kunstwerke herkom-
men, um diese nnzähligeu Duodez-Salons zu füllenL
Denn es versteht sich, daß man imnier nur Neues und
von dcm Neucn das Neueste haben- will, und um nur
ciue eiuigcrmaßen ansehnliche Ziffer im Verzcichuis zn
erreichen, sieht sich der Vorstand gezwungcn, selbst die
häßlichsten und unbedeutendsten Werke zuzulasicn.

Auf diese Wcise wird die Durchschnittsware und
— schlimmer nvch — der künstlerische Schund in einer
Weisc begünstigt und gefvrdert, die man nicht gerade
als zum Heil und zur Förderung der Kunst und des
guten Geschmacks gereichend ansehen kann.

Es ist dies ein Mißstand, über den bercits wieder-
holt Klage geführt worden ist, der sich aber bisher
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