Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die Marienburg und ihre Wiederherstellung.

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Baumeister Steinbrecht in liebenswürdigster und un-
eigennützigster Weise aus seinen Forschungcn mitteilte;
er wird selbst an geeigneter Stelle darüber öffentlich
berichten; aber jenes wichtige, eine Streitfrage end-
giltig abschließende Ergebnis glaubte ich doch schon
jetzt den Lescrn nicht vvrenthalten zn sollen.

Was nun die Wiederherstellungsarbeiten selbst an-
geht, so ist bis jetzt folgendes fertig gestellt. Von dem
Kreuzgange, der in zwei, an der südlichen Seite sogar
in drei Stockwerken den Hof der Hochburg rings um-
gab, ist die nördliche Seite wieder aufgebaut. Der
Kreuzgang zeigt strenge frühgotische Formen nnd macht
einen Uberaus ernsten Eindruck. Von seinem oberen
Stocke sühren Eingänge zn dem Kapitelsaal und der
Kirche, welche beide zusammen die nördliche Seite des
gesamten Hochschlosses ausmachen. Die Thür zur
Kirche ist unter dem Namcn der „Goldenen Pforte"
bekannt und ausgezeichnet durch die schöuen, eigen-
tllmlich flach reliefirten Arbeiten in glasirtem und un-
glasirtcm Thon (Greifen mit dem dreieckigen Ordeus-
schild, Hirsche w.). Jhrc Eutstehuugszeit fällt nicht erst
iu den Anfang oder die Mitte des 14. Jahrhunderts,
wie vielfach die Annahme ging, svndern nach Stein-
brechts gewissenhaften Untersuchungen dürften sie dem
ausgehenden 13. Jahrhundert, etwa den Jahren 1280—
1290 angehvren. Betritt man die Kirche, so wird
der Blick zunächst noch durch viele Gcrüste gehemmt,
aber es läßt sich bereits erkennen, welch gewaltige Arbeit
hier geschehcn ist und wie bald der Raum wieder in
seinem alten schönen, farbcnprächtigen Glanz erstrahlen
wird. Die Kirche ist ein einschiffiges Langhaus, an
welches der Chor ohne weitere äußere llnterbrcchung, nnr
dnrch eine gcringe Erhöhnng des Fußbodens erkenn-
bar, sich anschlicßt. Hohe, uicht allzu dichte Fenstcr
befindcn sich an der Nvrdscitc, während der Chvr, der
bekanntlich anßen mit der grandiosen, nach Venedig,
dem früheren Sitz der Hochmeister, weisenden, 8 m
hvhen Marienstatue in bunt reliefirtem Glasmosaik ge-
ziert ist, vou allen Seiten Licht erhält. An jeder Wand
sicht man nenn Statucn, deren Konsolen, zum Teil in
sehr drolliger und phantastischer Wcise, fast durch-
gängig mit cinem gekröntcn Menschen zwischen zwei
Teufeln, Asfen oder svnstigen Unholden geschmückt sind,
im Westen der Kirche eine schöne Kanzel. Den Haupt-
schmuck der Kirche aber bildet die au der Wand rings-
herum laufende Malerei, die wieder neu ausgefrischt
wird und die etwa der Mitte des 14. Jahrhnnderts
cntstammt. Zwischen gotischen Baldachinen erblickt
man Heiligengestalten aller Art, deren Bedeutung um
so hervorragender wird, je näher sie sich dem Chore
befinven. Aus ihrer großen Zahl nennen wir bei-
spielsweise den heiligen Laurentius, die heil. Elisa-
beth, Christus inmitten der sünf klugen und fünf

thörichten Jungfrauen und anderes mehr. Oberhalb
zwischen den einzelnen Spitzbogen gewahren wir auf
der Südwand Engelsköpfe, auf der Nordwand da-
gegen tcilsEngels-, teils Teufelsköpfe oder entsprechende
ganze Gestalten. Bemerkenswert ist bei diesen letzteren,
daß mitunter das streng architektonische Prinzip durch-
brochen wird und die Zeichnnng des Figürlichen sich
nicht an die architektonische Grenze hält, sondern sie
überschreitet. Auch Wappen sind hier angebracht.

Die malerische Erneuerung ist dem Münchener
Maler Wcinmaier übertragen und darf durchweg als
ganz vortrefflich bezeichnet werden; nur scheint es, als ob
bei den Farben der einzelnen Schilde die damaligen Ge-
setze der Heraldik nicht ganz eingehalten wären. Die
Gewölberippen der Decke sind bereits bunt bemalt,
die Zwischenfelder sollen weiß bleiben, nur einzelne
Majuskelbuchstaben über dem Chore machen eine
Ausnahme. llber der geschilderten fortlaufenden Heili-
genreihe zieht sich nach Aussage Steinbrechts eine Jn-
schrift in Majnskelbuchstabcn hcrum, welche sich auf
die Erbauung der Kirche bezieht, die aber gegenwärtig
noch nicht in Angriff genommen ist; später war sie
durch cine andere, welche eine Ausbesserung unter pol-
nischer Herrschaft meldete, in gewöhnlicheu lateinischen
Buchstaben übermalt worden. Was mit den Flächcn
der Wände Uber der Jnschrift werden soll, ist uoch
nicht bestimmt; znnächst svllen die bunten Fenster ein-
gesetzt und dann erst die Malereien ausgeführt werden,
u»i unharmonische Töne zu vermeiden.

Unter dem Chor der Kirche besindet sich dic
Annakapclle, die Begräbnisslätte der Hochmeister; sie
liegt wenige Stufen unterhalb des Erdsnßbodens, sv
daß sie von der Feuchtigkeit sehr zu leiden hat. Sie
ist bereitö fertig und die Gewölberippen in kräftigen
bnnten Farben, rot, gold und blau bemalt. Die Kon-
solen sind zum Teil sehr komisch, während die Schluß-
steine die bekannten christlichen Symbole, serner Christus,
Maria mit dem Christuskind, vder auch das Wappen
in einem Dreiecksschild (schwarzes Kreuz auf Wciß, be-
legt niit schwarzem Adler auf Gold) zeigen. Anf bei-
den Seiten von Nord nnd Süd führt je eine Ein-
gangspforte herunter niit interessantenSandsteinarbeiten,
die sich auf die Heilsgeschichte beziehen, und bemerkens-
wert genug deutliche Spuren der alten Bemalung
aufweisen. — Noch zu erwähnen sind die Grabsteine
dieser Kapelle, von denen drei wvhlerhalten sind.

Nach der Kirche soll nnn sofvrt der Kapitclsaal
in Angriff genvmmen werden. DaS Hochschlvß ins-
gesamt gedenkt Stcinbrccht in sechs Jahren herzu-
stellen, vvrausgesetzt, daß in der Zahlung der Gelder
keine Stvcknng eintritt. Danach werden auch die
Außenwerke, besonders der Danzk, der arg in Trümmcrn
liegt, ausgeführt.
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