Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die Ausstellung gewerblicher Altertiimer in Kassel.

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wiesen. Vor wenigen Monaten zeigte es sich, daß das
Gehirn von dieser verderblichen Krankheit ergriffen
war. Der Meister innßte dem siir ihn Unvermcid-
lichen sich fügen und in seiner Arbeit eine längere
Unterbrechung eintreten lassen. Er suchte zuerst in
Reichenhall, später in Payerbach an der Semmering-
bahn Erholung, ohne jedoch seinem unwiderstehlichen
Schaffensdrange länger als einige Tage in erzwun-
gcner Muße widerstehen zu können. Er kehrte mit
seiner Gattin nach Wien zuriick und nahm die Arbeit
an den Entwürfen sür das Hofmuseum und an dem
großen Bilde des „Frühlings" wieder auf, das ein
Gegenstück zu dem Vvr einigen Jahrcn entstandenen
„Sommer" bilden sollte, und das er nun unvollendet
hinterlassen hat. Das Leben ging unter der sorgsamen
Pslcge von Makarts Gattin und Mutter kurze Zcit
noch seinen geregelten Gang, — da trat plötzlich ani
1. Oktober frllh die Katastrophe ein: man fand den
Künstler, eben im Begriff, sich anzukleiden, von einem
Gehirnschlage getroffen bcwnßtlos in seinem Schlas-
zimmer am Boden liegen, und seit jenem Anfalle bis
zn dcm am dritten Tage darauf erfolgten Tvdc hat
dcr Verewigte Las Bewußtsein nicht wieder erlangt.

Makart, 1840 in Salzburg geboren, schied von
uns in der Blttte seiner Mannesjahre. Wien hat
doppelte und dreifache Ursache, seinen Tod zu betrauern;
dcnn das cinzige große monumentale Werk, mit dessen
Ansführung man ihn hier betraut hat, die Ausmalung
des Hofmnseunis, ist Entwnrs geblieben!

0. v. U.

Die Ausstellung gewerblicher Altertümer in Aassel.

Kassel, im September.

2: Die Soinmcrmonate, wclche sonst auch im
Knnstlcbcn nnserer Stadt eine Pause eintrcten lassen,
habcn nns diesmal ein Ereignis gebracht und zwar
sür Hessen ein Ereignis ersten Ranges: die Ausstellnng
knnstgelverblicher Altertümcr, die wir bcreits srühcr an
dicser Stelle avisirten. Nachdem viele andere dcutsche
Städte mit Erfolg das gute Beispiel gegeben hatten,
durch Ausstellung älterer Erzeugnisse gewerblichen Kunst-
sleißes bclebend auf das moderne Kunsthandwerk ein-
znlvirken, glaubte nian auch hier ciuem solchen Unter-
nehmcn näher treten zu dürfen. Und der Erfolg ist
denn auch nicht nusgeblieben, wenigstens was die
Ausstellung selbst betrifft. Während es früher nicht
an Zweiflcrn fehltc hinsichtlich dcs Zilstandckommcns
der Ausstellung, ist diese über Erwarten zahlrcich be-
schickt worden und präsentirt sich dank dcn Bcmühungen
unserer Künstler in so ansprechendcr Weise, daß nicht
nur die Aufnierksainkeit der Fachinteressenten, sondern
auch dic weiterer Kreise dadurch crregt ist. Seit der

Zeit der Eröffnung am 15. Juni war der Bcsuch der
Ausstellung von nah nnd fern ein sehr reger, so daß
die Kosten derselben ohne Zweifel vollauf gedeckt Wer-
den, zumal durch die schon anfangs gewährten Znschüsse
des Staatcs, der Kommunalstände, der Stadt Kassel
wie des Handels- nnd Gewerbevereins das Unterneh-
men so zicmlich rils gesichert betrachtet werden kvnnte.
Besonders wurde dasselbe auch gesördert dnrch die
Übcrlaffnng des Orangerieschlosses seitens der königl.
Regiernng, wodurch ein zweckentsprechendes und schöncs
Arrangement des Ganzen ermöglicht wurde. Ebenso
haben die städtischen und die geistlichcn Behörden das
Unternehmen anf alle Weise gefördert, vor alleni aber
ist man den Besitzcrn der Privatsammlungen dasür zn
Dank verpflichtet, daß sie ihre bestcn Sachen dcr AnS-
stellung uberließen.

Die erste Anregung, eine solche zn veranstaltcn,
ging vor zwei Jahren von Stiller, dem damaligcn
Vvrstande der gewerblichcn Zeichenschnle, jetzigen Direk-
tor der Kunstgewerbeschule in DUffeldorf aus. Dic
Ausführung des Ganzen blieb dagegen einem Komitv
überlaffen, an deffen Spitze Stillers Nachfolger, Direktor
v. Kr amer stcht. Dieser cntwarf dcn Plan des Gan-
zen nnd leitete auch das Arrangement, wobei ihm vor
allem die hiesigen Künstler zur Seite standen, wie
Kolitz, Knackfuß, Schneider, Wünnenberg und Wiesche-
brink. Um die Ausfiihrung der dekorativen Arbeiten
hat sich in erster Linie Dekorationsmaler Siebert,
außerdem Maler Behrens, Bildhauer Butscher und
eine Anzahl Schüler und Schülerinnen der Akademie
verdient gemacht. So war denn auch dem modernen
Bedürfnis nach stilvoller architektonisch-malerischer Aus-
stattung Genüge gcschehen.

Den Eingang zum Ansstellungsraum bildct ein
mit Grabsteinen, Holzskulpturen, Gemälden ic. ans-
gcstatteter romanischer Kreuzgang. Jm Ausstellnngs-
raum selbst ist auf der rcchten Seite die Mehrzahl dcr
Kunstobjckte in Glaskästen, Schränken, Pultcn und
an den Fensterwänden untergebracht, während die linke
Längenwand eine Straßenfront mit Jnnenräunien bildet,
in welcher die verschiedenen Stilepvchen veranschaulicht
sind. Den Anfang bildet eine romanische Kapclle, in
welcher die kirchliche Kunst durch den Domschatz von
Fritzlar und cinige aus anderen Kirchen und aus Pri-
vatbesitz stammende Gcräte und Paramente vertreten
ist. Daran reiht sich ein gotischer Saal, ausgestattet
mit den entsprechenden Möbeln, Skulpturen, Gemälden,
Gobelins rc. Ein kleincs Wohnhäuschen mit eincr
Faustisch ausgestatteten Gelehrtenstnbe, sowie ein daran
stoßendes, mit Gartenanlagen versehenes Plätzchen füh-
ren zu einer altdeutschen Zechstube, welche znhlreiche
die Zeit der Zünfte kennzeichnende Gegenstände, Krüge,
Schllffeln, Zunftpokale rc. enthält. Es folgt eine
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