Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXVI. Jahrgang

1914/1915

Nr. 19. 5. Februar 1915

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EINE BISHER UNBEKANNTE »ANBETUNG
DER KÖNIGE« VON LUCAS CRANACH D.Ä.
Von Carl Romminoer

In Wittenberge (Bez. Potsdam) habe ich im Besitz
des Augenarztes Dr. Lichtwer, dem ich zur Behandlung
meiner vor Dixmuiden erhaltenen Wunde überwiesen
war, eine 1,03X1,53 m große, sehr gut erhaltene
»Anbetung der Könige« vorgefunden, die sich mir bei
einem zwar durch meine Lage als Verwundeter be-
grenzten aber ziemlich eingehenden Studium als eine
Arbeit Lucas Cranachs des Älteren aus seiner besten
Zeit erwies.

Nachstehend Abbildung und Farbenbeschreibung
der Tafel und meine Beweisgründe.

Die Komposition, namentlich der Mittelgruppe, und
Einzelnes in der Formengebung scheinen bei flüch-
tiger Betrachtung in ganz andere Gegenden und auf
andere Meister hinzuweisen
als auf Lucas Cranach in
Wittenberg, doch zeigt ein
genaues Durchgehen des
ganzen Bildes so viele Be-
ziehungen zu zweifellos ech-
ten Werken Cranachs (wo-
bei ich mich hauptsächlich
auf Flechsigs Cranach-Stu-
dien stütze), daß mir die An-
nahme der Autorschaft Cra-
nachs für die vorliegende
Tafel unabweisbar erscheint.

Farbig ist die Tafel in
der Hauptsache auf Rot,
Grün und Blau gestellt;
Mauer, Dach und Erdboden
sind Braun.

Maria ist mit einem kräf-
tig fast purpurroten Kleid
angetan, das zum größten
Teil von dem über Schul-
tern, Schoß und Beine fallen-
den hellblauen, grün gefüt-
terten Mantel bedeckt wird.
Dasselbe Rot hat der ge-
musterte Rock des mittleren
Königs, wo es mit dem
Rotgold des gemusterten
Überwurfes zusammen-
klingt. Hell, fast ziegelrot
ist das Kleid des vordersten
Dieners, der auf]weißem
Tuch das Geschenk trägt, Lucas Cranach d. Ä

während wir in der Klei- (Wittenberge,

dung des Mohrenkönigs den feinen Farbendreiklang
Weiß (Überwurf), Hellgrün (der breite Umlege-
kragen), Hellkarminrot (Ärmel und Stehkragen) haben,
den Flechsig als »ein vortreffliches Kennzeichen für
echt cranachsche Bilder des zweiten Jahrzehnts, von etwa
1514 bis 1518« ansieht. Der mit breitem braunen Pelz
kragen verzierte Mantel des alten Königs ist ebenso wie das
Mantelfutter der Madonna von leuchtendem tiefen Grün.
Alle diese Farben, und nur diese Farben klingen wieder
in den Kopfbedeckungen der gedrängten Dienerschar.

Im Einzelnen das Bild durchgehend finden wir
den Kopf der Madonna des öfteren bei Cranach wieder.
Die Verwandtschaft mit der Karlsruher und der Glo-
gauer Madonna ist so groß, daß man hier wohl kaum
mehr von Ähnlichkeit sprechen kann, sondern sagen
muß: es ist derselbe Kopf. Auch die große Verwandt-
schaft mit der Darmstädter Madonna, der Maria auf
der »Verlobung der hl. Katharina« in Wörlitz und der

Eva vom »Sündenfall« in
Braunschweig springt sofort
in die Augen. Hier wie
dort die sehr hohe Stirn,
die schmale Nase mit der
etwas knopfartigen Kuppe,
der kleine Mund mit der
vollen, etwas vorgeschobe-
nen Unterlippe, das kleine
Kinn; hier wie dort die
außerordentlich feine Be-
handlung des welligen,
braunen, über das Ohr zu-
rückgeschlagenen Haares
und hier wie dort der glatte
runde Halsausschnitt. Auch
finden wir auf der Anbetung
genau dieselben schlanken
fließenden Hände der Maria,
wie auf den genannten
Madonnenbildern.

Ebenso gibt es zu
dem Kinde, dem etwas
großen Kopf mit dem nach
vorn gestrichenen blonden
Haar, den wulstigen, kur-
zen Gliedern, dem ganzen
leicht rachitischen Typ die
Vorlagen bei Cranach man-
nigfaltig. Die Rechte des
Kindes auf der Karlsruher
Madonna ist dieselbe Hand,
wie die entsprechende auf
., Anbetung der Könige dem vorliegenden Bilde,

Bes. Dr. Lichtwer) nur von innen gesehen.
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