Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Das Marktbild von Ypern

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machtvollen, herrlichen Querschiff nach Süden vor.
Aber sowohl diese bewegte Gliederung als auch die
schädliche, platzartige Gassenbreite im Westen des
Turmes wird schon jetzt dem Marktbilde entzogen,
indem das Zickzack der die Kirche umgebenden Fried-
hofsmauer die beiden Marktstraßen aus dem Norden
verengert und, zusammen mit der im Südosten vor-
gelagerten Heiligen-Geist-Kapelle, den Aspekt der
südlichen Kirchenfront vom Hauptplatze her reichlich
behindert. Zuletzt verlegt die in gleicher Zeit der
Vollendung zuschreitende Tuchhalle die vollere Wir-
kung des Kirchenkörpers im Marktbilde, verweist sie
auf die nähere Umgebung ihres Gassen- und Platz-
kranzes und läßt nur ein beschränktes Stück der Kirchen-
sicht auf dem Großen Platz zur Geltung kommen.

Das Raumbild des Großen Marktes erhielt seine
durchgreifende Neugestaltung durch die Tuchhalle.
Neben typischen Motiven der Frühgotik, die eben-
solche der Stilblüte im Ausbau der näheren Umgebung
nach sich ziehen, treten hier doch auch Besonderheiten
auf, auf denen die besondere Wirkung im Endergebnis
beruht. Der Riesenmasse des Freiraumes konnte nur
eine architektonisch gebundene Riesenmasse das Gegen-
gewicht bieten. Die Tuchhalle bedeckt etwa ein Viertel
des Marktareals, massig und gedrungen erhebt sich
der 133 Meter lange, dreigeschossige, von schwerem
Dach gedeckte Bauwürfel. Kein Glied, auch nicht die
untergeordneten Ecktürmchen, hebt seine geschlossene
Körperlichkeit auf, der breitgefügte, bis zu 70 Meter
ansteigende Beifried inmitten der Marktfront verstärkt
sie, indem er der horizontalen Lagerung des Grund-
baues das angemessene Höhenverhältnis hinzufügt,
seine stramm gehaltene Verjüngung wird durch vier
Ecktürmchen noch weiter gehemmt. Von solcher
straff gefaßten und mächtigen Körperhaftigkeit, bestimmt
dieser Freibau die dem Typisch-Gotischen zuwider-
laufende einfache und eindeutige Gliederung des
Marktraumes.

In der einen, auf die Halle eingestellten Seh-
richtung, in der Hauptachse des Marktes von Osten
her, ergab die schräge Einstellung ihrer südlichen
Schauseite eine Konvergenz der beiden Platzwände,
die das von der Tuchhallenfront und der feinen
Fleischhalle gegenüber bestimmte Raumbild in inten-
sivste Wirkung treten ließ, an Stelle des flach vorbei-
führenden einen körperlichen Vollblick gewährte und
infolge der Drehung gegen die Schauachse der per-
spektivischen Verflüchtigung derart entgegenarbeitete,
daß — trotz der zunehmenden Entfernung — die
Wucht des kubischen Ganzen erhalten blieb; auch
die der Geschlossenheit des Marktbildes abträgliche
Doppelmündung der Straßenzüge in der südwestlichen
Platzecke wurde damit ausgeschaltet. Andererseits war
jetzt der Kirchenplatz endgültig abgetrennt, seine
verhältnismäßig schmale Einmündung zwischen der
Nordostecke des Hallenwürfels und dem Häuserblock
gegenüber gestattet nur eine gemessene Teilnahme
seiner Bauwerke, namentlich des überragenden Kirchen-
schiffes mit dem Dachreiter und Westturm, an dem
Marktbild; — dem Fernblick vom äußersten Platz-
osten her bot sich hier jene gedrängte Fülle monu-

mentaler Glieder, welche die Gotik an Zentralpunkten
des Stadtbildes bevorzugte, — ohne aber hier ins
zersplitternde Vielerlei zu geraten, ohne aus dem
streng gemessenen Spiel der kubischen Massen ins
launische Detail abzuschweifen.

Im Osten blieb in unmittelbarer Anlehnung an
die Tuchhalle eine unregelmäßige Zeile kleiner Baulich-
keiten stehen. Es bleibt mannigfach bezeichnend, daß
man nicht an ihre Abräumung schritt: das Hallenwerk
war in sich selbständig und als Freibau gedacht, die
Ecktürmchen machten das deutlich genug, jeder An-
bau mußte sie widersinnig einzwängen; die feierliche
Stattlichkeit dieses Körpers, seine großartige Geschlossen-
heit mußte in engster Vergesellschaftung mit einem
Gehäufe von niedrigen, zum Teil hölzernen und anti-
quitierten Baulichkeiten eine unverträgliche Dissonanz
ergeben — dem modernen Auge, nicht dem gotischen;
endlich schien die neue Baulinie der Hallen, aus der
das vorderste Häuschen recht mutwillig vorsprang,
eine Einfluchtung gebieterisch zu fordern — vor dem
Urteil der Renaissance, nicht aber der Gotik. Und
so blieb es einstweilen bei dieser arythmischen Ver-
hältnisgebung, von der die Wirkung des Hauptbaues
in jeder Weise profitierte, und bei einer Situation,
die an diesem besonderen Falle die Standhaftigkeit
gotischer Raumgesinnung erwies. Die ungehinderte
Ausflutung des westlichen Platzkeiles in das östliche
Marktrechteck, die bloße Gegenwirkung der frei-
stehenden Blockmasse und des offenen Riesenraumes,
mußten dem beschränkten Maßgedanken gotischer
Freiräumlichkeit ebenso widerstreben, wie ihrer Nei-
gung zu vielfältiger Gliederung. In der alten Häuser-
zeile am Hallenosten gewinnt diese Baukultur das ihr
angemessene, organische Mittel der Raumhemmung:
der Vorsprung teilt den Marktraum in einen west-
lichen Hauptplatz, dessen architektonische Sonder-
erscheinung dadurch noch verstärkt wird, und in eine
östliche Marktstätte wirtschaftlicher Feilbietung; dort
kommt derart der gotische Spielraum des gedrängten
Nahaspektes, hier der einer offenen Fernsicht zustande,
die vom Maße des Herkömmlichen innerhalb dieser
Stilart um ein Beträchtliches abweicht. Pranger und
Brunnen, nahe dem vorrückenden Eckhäuschen an der
Tuchhalle, betonen nicht etwa die Mitte des Gesamt-
raumes, dessen Vorstellung ja mit den erwähnten
Mitteln gerade entgegengearbeitet wird, sondern eben
seine Zweiteilung.

In solcher Weise hatte sich bis zum Ende des
mittelalterlichen Stadtbaues (1575) das gotische Prinzip
selbst an diesem besonderen und vielfach wider-
strebenden Falle behauptet. Zugleich aber war diese
Selbstbehauptung durch derart bescheidene und un-
schwer zu beseitigende Mittel erreicht worden, daß
ein auch nur leichter Umschlag der Gesinnung ge-
nügen mußte, um dem Gesamtraum Durchbruch zu
verschaffen.

* *


Das unansehnliche Zellenwerk im Osten der Tuch-
halle und die darauf folgende Marktöffnung gegen
den Kirchenplatz konnten vor dem Raumbegriff der
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