Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Ausstellungen

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das Bostoner Museum gelangt, vier blieben im Museum
von Kairo.

Seitdem die Amerikaner vor Jahren in Oizeh zu graben
begonnen hatten, war es ihnen klar geworden, daß die in
regulären Reihen aufgeführten Mastabas den königlichen
Friedhof der vierten Dynastie bildeten. Die neuen Aus-
grabungen haben ergeben, daß dieser königliche Friedhof
aus drei Hauptgruppen von Mastabas, dem westlichen,
dem südlichen und dem östlichen Friedhof bestand, die
ein jeder nach einem einheitlichen Plan angelegt waren.
Die datierten Funde zeigen, daß die westlichen Mastabas
der Cheops-, die östlichen der Mykerinus-Periode an-
gehören. Nachdem in den südlichen massiven Mastabas
das Siegel eines Beamten des Chephren gefunden war, ist
es zweifellos, daß die massiven Mastabas mit den weißen
Kalksteinköpfen in die Periode des Chephren zu datieren
sind. Die acht lebensgroßen Porträtköpfe können als
Hofleute des Chephren, wahrscheinlich auch alle als Mit-
glieder der königlichen Familie angesehen werden. Diese
Männer und Frauen, deren Gesichter wir nun sehen können,
sprachen einst mit Cheops und Chephren und sahen den
Bau der ersten und zweiten Pyramide. Sie opferten einst
in dem Grabtempel des Cheops und können gesehen
haben, wie die große Sphinx aus den Felsen herauswuchs.

Die Physiognomien von zweien der gefundenen Porträt-
köpfe wiesen, wie schon erwähnt wutde, auf Asien. Dort
lassen sich allerdings keine Spuren des Verkehrs mit
Ägypten zur Zeit der ersten Dynastien finden, obwohl der
Malachit und Diorit vom Sinai, Olivenöl aus Palästina,
Zedernholz und andere Zedernprodukte aus dem Libanon
sich im alten Reich in Ägypten fanden — teils durch
militärische Expeditionen, teils durch Handel nach Ägypten
eingeführt. So mögen auch Sklaven aus Kleinasien von
den Euphratquellen her nach Ägypten gekommen sein. —
Aber auch noch andere unägyptische Dinge sind in Gizeh
gefunden worden: Töpfereien, die an allerdings spätpalä-
stinensische Gefäße erinnern, sind entdeckt worden. Es
ist anzunehmen, daß sie nicht in ihrer Eigenschaft als
Tonware, sondern wegen ihres Inhaltes nach Ägypten ge-
kommen sind. Sie mögen Zedern- oder Olivenöl enthalten
haben. Diese Ölbehälter repräsentieren einen Typ, der in
Gezer gefunden wurde, dort allerdings aus späterer Zeit
stammt. Reisner ist der Ansicht, daß diese Töpfereien
alle aus Syrien stammen und nicht aus den Zentren der
ägäischen Kultur, wie man ebenfalls schließen könnte.

Aus Kerma (siehe die Ausgrabungen der Bostoner
Expedition in Kerma, »Kunstchronik« vom 25. Sept. 1914,
Sp. 642—644) erhielt das Bostoner Museum die schöne
Granitstatue einer ägyptischen Dame namens Sennuwy und
einige andere Skulpturen, alle aus dem mittleren Reich,
das bislang in dem Museum of Fine Arts schlecht ver-
treten war. m.

AUSSTELLUNGEN
Münchner Kunstschau. Die Kollektivausstellungen
moderner Maler und Zeichner, die die verschiedenen Kunst-
handlungen in der letzten Zeit veranstalteten, waren zum
größten Teil von wenig Belang. Notiert seien: bei Thann-
hauser eine Gedächtnisausstellung für den leider zu früh
dahingeschiedenen, in den Kämpfen in Nordfrankreich ge-
fallenen Zeichner Georg Pfeil, der, zweifelsohne ein starkes
Talent, noch am Anfang seiner eigentlichen Entwicklung
stand. Seine Zeichnungen, etwas an den Impressionismus
Slevogts anklingend, sind überaus lebendig; Bewegung,
Massenszenen wiederzugeben, ist dem jungen Hannoveraner
Hauptziel gewesen, das er mit bestem Erfolg erreicht hat.
Bei Caspari sah man recht talentierte aber doch noch zu
wenig ausgereifte, sehr geschmackvolle Stilleben und Land-

schaften einer frisch zupackenden jungen Impressionistin
Hermine Moos, der man in ein paar Jahren mit ausge-
glicheneren Gemälden gerne wieder begegnen wird. Die
Arbeiten des in München ansässigen Amerikaners Edward
Cucuel, die man bei Heinemann sah, sind zu sehr unter
dem Einfluß des mit Cucuel engbefreundeten Leo Putz
entstanden, und nicht nur unselbständig, sondern überhaupt
viel weniger zielsicher, viel äußerlicher und süßlicher als
Putz es jemals ist. Die Frühjahrsausstellung, die Goltz
von Werken verschiedener Mitglieder der Münchner Neuen
Sezession in seinen Räumen im Luitpoldblock veranstaltet,
ist als Ganzes ziemlich mäßig und gereicht den betreffen-
den Künstlern mit wenig Ausnahmen nicht gerade zu be-
sonderem Ruhm. Turmhoch über alle erhebt sich Purr-
mann in seinen Radierungen und Zeichnungen. Einige
Blätter wie die Landschaft (Nr. 75) und der weibliche Akt
(Nr. 76) wirken wie köstliche Probedrucke von Litho-
graphien. Mit diesen Dingen zusammen an einer Wand
die in jeder Hinsicht groben Geschmacklosigkeiten eines
R. Beeh ansehen zu müssen, bedeutet schon eine starke
Zumutung. Neben den sehr ungleichmäßigen graphischen
Arbeiten und den Plastiken Lehmbrucks, den geschmack-
vollen Renoirübersetzungen Nowaks und den Bildern des
immer mehr in eine öde Rezeptmalerei geratenden Kars
seien einige sehr delikate, höchst geschmackvolle Litho-
graphien Steins, der mit Erfolg nunmehr auch dieses Ge-
biet betreten hat, und die sehr gelungenen Radierungen
und Zeichnungen Großmanns genannt, der alles, was Be-
wegung heißt, in wirklich neue und eigenartige Formen
zu fassen versteht.

Im Goltzverlag ist dieser Tage eine künstlerisch wirk-
lich erfreuliche Kriegspublikation erschienen, ein 10 Litho-
graphien umfassendes Mappenwerk von Hermann Ebers,
betitelt »Die Opfer«. Erfreulich, nicht nur weil diese Blätter
nicht zu jenen mehr oder weniger spielerischen Kriegsbei-
trägen der künstlerischen Heimkrieger gehören, sondern weil
hier endlich einmal einer, der draußen war, seine Ein-
drücke wirklich künstlerisch zu gestalten verstanden, diesen
Blättern künstlerische Form und Inhalt zugleich zu geben
verstanden hat. Dabei möchte ich die Qualität dieser
schlichten, ehrlichen Steinzeichnungen, die eine ganz eigen-
artige Stimmung durchweht, keineswegs überschätzen. Rein
künstlerisch betrachtet stehen sicher die sieben Litho-
graphien, die hier der Deutschschweizer Alfr. H. Pellegrini
unter dem Titel »Flüchtlinge und Ruinen« herausgegeben
hat, bedeutend höher; das sind gewiß Schöpfungen, die
rein technisch und formal betrachtet eine außerordentliche
Schönheit und Reife besitzen, zu denen man aber in diesen
Tagen jedoch etwas langsamer greift als zu den Blättern
von Ebers, weil hier wirklich etwas von jener Kriegs-
graphik gegeben ist, nach der man sich so lange vergebens
umgeschaut hat.

Zum Gedächtnis des dreißigsten Todesjahres der
Münchner Künstler Friedr. Voltz und C. Spitzweg hatte die
Galerie Helbing eine sehr lehrreiche Ausstellung von Hand-
zeichnungen dieser beiden Maler veranstaltet. Man gewann
da namentlich über Spitzwegs minutiöse Arbeitsweise inter-
essante Aufschlüsse. Sehr zu begrüßen ist es, daß bei
Helbing demnächst ein Verzeichnis der Spitzwegschen
Handzeichnungen veröffentlicht werden soll. a. l. m.

Im Kölnischen Kunstverein gibt Hugo von Haber-
mann einen fesselnden Überblick über sein Schaffen während
der letzten Jahre. Eine glänzende Leistung malerischer
Bravour ist seine rassig-häßliche »Dalmatinerin« von 1913,
ebenso sein »rothaariges Mädchen«, ein Bild, in dem er die
stärksten Farbenkontraste zu Harmonien zwingt und vor
allem sein schon mehrfach gezeigtes »Modell« von 1907:
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