Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Das perspektivische Verfahren Leone Battista Albertis

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fig. V

sie bei Piero della Francesca, bei Lionardo da Vinci und
— auf Grund der in Italien erworbenen Kenntnisse —
unter dem Namen »näherer Weg« auch bei Albrecht
Dürer gelehrt wird12), entspricht der Konstruktion, in
der wir das perspektivische Verfahren Albertis erblicken,
so vollständig, daß wir sie nur abzubilden brauchen
(Fig. V) und uns, was die Erklärung angeht, auf das
oben Gesagte berufen können. Die einzige Ab-
weichung besteht darin, daß die anderen Theoretiker
die zur Ermittlung der Transversal-Intervalle bestimmte
Konstruktion nicht, wie Alberti, auf einem besonderen
Blatt, sondern auf der Zeichenfläche selbst ausführen.
Allein dieser — natürlich rein technische — Unter-
schied erklärt sich insofern sehr leicht, als Alberti,
der sein Verfahren aus der malerischen Praxis hatte,
und Malern mit seinen Mitteilungen dienen wollte,
die Erfahrung gemacht haben wird, daß es schwer
möglich war, die sich stark seitlich entwickelnde
Transversalkonstruktion auf der Bildtafel vorzunehmen:
Während der Zeichner — abgesehen davon, daß sein
Zeichenpapier größer sein kann, als sein Bildaus-
schnitt — seine Konstruktion einfach auf einen anderen
Bogen oder selbst auf die Tischfläche ausdehnen
konnte, hätte der Maler, wenn er die Distanz nicht
unnatürlich klein annehmen wollte, nicht gewußt, wo
er mit dem Punkt B bleiben sollte; und so ist es
wohl verständlich, wenn Alberti ihm riet, die Ab-

jenige Konstruktion gebraucht werden, die sich unmittel-
bar-geometrisch aus der Definition: Bild=Schnitt durch
die Sehpyramide ergab und (als zwar sehr umständliches,
aber allgemeingültiges Verfahren) in der Renaissance nur
bei so systematisch gerichteten Theoretikern wie Piero della
Francesca (de prospectiva pingendi, ed. C. Winterberg 1899,
Fig. 45, Text p. XXXII f.) und Dürer (Underweysung der
Messung . . . Nürnberg 1525, Folio P. 1. v. ff.) gelehrt wird.
Später etwa bei P. Puteus (Pozzo), perspectiva pictorum
et architectorum, Roma 1693—1700, Tom. II, Fig. V ff.

12) Die in Betracht kommenden Stellen sind zitiert
bei E. Panofsky, Dürers Kunsttheorie, 1915, p. 35.

stände der Transversalen auf einer gesonderten Zeichen-
fläche zu ermitteln, und dann — durch einen Papier-
streifen oder mit dem Zirkel — in die definitive
Bildfläche zu übertragen.

Wir haben also, wenn wir resümieren, nur zwei
Möglichkeiten: entweder in Albertis gegen 1435
niedergeschriebener Anleitung die Darstellung eines
Verfahrens zu erblicken, das von den Angaben
des Textes in den wesentlichsten Punkten abweicht,
noch von S. Serlio nicht richtig verstanden wurde13)
und in Italien zum erstenmal bei Vignola richtig be-
schrieben zu werden scheint14), oder darin die Be-
schreibung einer Konstruktion zu sehen, die mit
Albertis Vorschriften genau übereinstimmt, von seinen
Zeitgenossen, z. B. von Uccello, nachgewiesenermaßen
praktisch angewandt wurde15), und bei denjenigen
Theoretikern wiederkehrt, die auch sonst mit seiner
Kunstlehre in Berührung gekommen sind. —

Anhang

Zum Schluß möchte uns — obzwar sie eigentlich
nicht zur Sache gehört — eine Anmerkung zu den
von Kern publizierten, höchst interessanten Konstruk-
tionen Uccellos gestattet sein, deren Eigentümlichkeit
darin besteht, die für die perspektivische Aufnahme
körperlicher Dinge unbequeme Rundung dadurch zu
beseitigen, daß ihre Gesamtoberfläche in lauter kleine
Vielecke aufgeteilt wird und dadurch nicht mehr als
Wölbung, sondern als die Oberfläche eines sehr viel-
flächigen Polyeders sich darstellt, dessen Ecken genau
bestimmte Ansatzpunkte für die perspektivischen Kon-

13) S. Serlio, Architettura, Libro secondo, p. 1 ff.

14) Barozzi da Vignola, Le due regole della prospet-
tiva, 1583.

15) Festgestellt durch Kern, a. a. O. p. 24.
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