Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Nekrologe

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delt, der jetzt der Zeeburgerdyk genannt wird. Sie beginnt
mit der Außenseite des Walls bei dem 1636 erbauten
Anthoniestor (80), zeigt Houtewaal von der Westseite (83),
dann die Radierungen mit dem Milchmann und dem Heu-
schober, die vom Diemerdyk aus genommen sind (85 und
86), zwei Zeichungen eines Bauerngehöftes daselbst (88
und 89) und Ausblicke auf das Y (90 und 91).

Auf Nr. 93 sehen wir Jan Six in seiner Besitzung
Ymond bei Jaaphannes; die Gegend des jetzt zugunsten
von Diemerburg zurückgegangenen Diemen zeigen die
Blätter 96 bis 100; 102 bis 107 sind wahrscheinlich als An-
sichten aus dem Poldergebiete in Anspruch zu nehmen;
108 endlich stellt Sloten dar.

Andere Blätter, die hier noch nicht behandelt werden,
scheinen auf eine Reise durch Utrecht und Gelderland zu
deuten, die Rembrandt in den fünfziger Jahren ausführte.

Der Verfasser kann seine Wanderung mit der Hervor-
hebung schließen, daß allein die Wiedergabe der Schön-
heit in Liebe und Gemütstiefe wirklich erhebende Kunst
zu schaffen vermag. w. v. Seidlitz.

NEKROLOGE
München. Am 15. Juli, nur wenige Tage vor der
Vollendung seines 73. Lebensjahres, ist in Herrsching der
ehemalige Direktor der Kgl. Graphischen Sammlung in
München Dr. Wilhelm Schmidt aus dem Leben geschieden.
Er war 1842 zu Birkenfeld geboren und hat der genannten
Münchner Sammlung fast 30 Jahre, 1875—1904, angehört,
seit 1885 als Direktor. Nach außen hin ist er wenig her-
vorgetreten, weder als fruchtbarer Schriftsteller noch als
führende Persönlichkeit in Kunstangelegenheiten. Und doch
war er ein Mann von nicht gewöhnlichen Verdiensten, nicht
nur ein außerordentlicher Kenner der älteren Kunst, son-
dern auch ein geschickter Sammler von sicherem Blick und
bestem Geschmack. Nur konnte er sich in seiner durch
einen starken Pessimismus noch gesteigerten Bescheiden-
heit nicht dazu aufraffen, seine großen Kenntnisse in um-
fassenden Darstellungen weiteren Kreisen zu übermitteln.
Schmidts Ansichten und Urteile haben sich, wenn auch
nicht immer als völlig richtig, so doch stets als äußerst
anregend und fruchtbringend erwiesen; vieles' von dem,
was er schon vor Jahrzehnten mündlich oder in knappen
Mitteilungen und kurzen Kritiken ausgesprochen hatte und
was damals in der weiteren Öffentlichkeit unbeachtet blieb,
ist heute Allgemeingut geworden. Schmidts Mitteilungen
in den alten Jahrgängen des »Repertoriums für Kunstwissen-
schaft«, in »Helbings Monatsberichten«, in der »Zeitschrift
für bildende Kunst« und in der »Kunstchronik«, zu deren
ältesten Mitarbeitern er zählte, sind noch heute von größtem
Interesse und nicht zu unterschätzender bleibender Bedeu-
tung. Die frühen Italiener waren ihm ebenso vertraut wie
die späteren Vlamen und Holländer (A. Brouwer hatte er in
seiner Doktorarbeit behandelt) und die altdeutschen Meister.
Es sei hier nur daran erinnert, daß Schmidt es war, der
den Donaumeister Wolf Huber als Maler entdeckt hat.
Wir verdanken Schmidt neben seiner Publikation von »Hand-
zeichnungen alter Meister aus der Kgl. Graphischen Samm-
lung in München« (1884—1900) die erste mustergültige
Inkunabelnbearbeitung, die er unter dem Titel »Interessante
Formenschnitte des 15. Jahrhunderts« (1886) und »Die Inku-
nabeln des Kupferstichs im Kgl. Kabinett zu München« (1887)
erscheinen ließ. Der von ihm verfaßte, 1881 erschienene
provisorische Katalog der Alten Pinakothek gewann für den
ersten Reberschen Katalog von 1884, was Bilderbestimmungen
anlangt, in vielen Fällen grundlegende Bedeutung. Wer
Schmidt im persönlichen Verkehr nur oberflächlich kannte,
mochte glauben, eine amüsante Spitzweggestalt vor sich zu
haben. In Wahrheit aber ist Schmidt eher ein Vetter des

Rittmeisters in Strindbergs »Vater« gewesen, und das Tra-
gische seiner Figur hat sich an seinem Lebensende unver-
hüllt offenbart. a. l. m.

Hendrik Willem Mesdag f. 84 Jahre alt, ist im
Haag am 10. Juli Mesdag gestorben. Mit ihm ist nun
auch der letzte der großen Haager Malerschule dahin-
gegangen. Mesdag gehörte mit Israels zu den populärsten
holländischen Malern des vorigen Jahrhunderts, obwohl er
sich bei den Feinschmeckern nie der Schätzung erfreute,
die die koloristisch als Maler so viel vollendeteren und
intimeren seiner Zeitgenossen, die Maris, Mauve, Neu-
huys und Weißenbruch genossen. Seine Popularität ver-
dankte er wie Israels mehr dem Stofflichen seiner Kunst
als ihren malerischen Qualitäten. Er war mehr ein Bravour-
maler im Sinne der Franzosen, die seinem Talent auch
zuerst die offizielle Anerkennung zollten; wurde er doch
im Pariser Salon 1870 mit einer goldenen Medaille aus-
gezeichnet und Millet beglückwünschte ihn schriftlich zu
diesem Erfolg. Dem kritischen Holländer schien er oft
grob und oberflächlich, zu sehr auf den Effekt berechnet.
Aber Effekt, Eindruck sollten seine Gemälde auch machen.
Eine robuste Natur, die er war, imponierte ihm am meisten
die Kraft. Deshalb fühlte er sich auch vom Meere so
angezogen und so wurde das Meer, speziell die Nordsee, die
er bei einem Aufenthalt auf Norderney im Jahre 1867 in
ihrer ganzen Schönheit kennen gelernt hatte, das Grund-
thema seiner Kunst. Denn was ihn in erster Linie am
Meere reizte und fesselte und er zum Ausdruck zu bringen
suchte, das war die Kraft, die diese ungeheure Wasser-
masse in Bewegung setzt, und die unendliche Weite, die
sie erfüllt; die Wirkungen des Lichtes, sein Funkeln
und Glänzen, sein Glitzern und Blenden, sein stets wech-
selndes Spiel interessierten ihn in viel geringerem Maße.
Mesdag war kein Maler der Nuance, er ging aufs große
Ganze. Die bewegte See mit hohem Wellengang und
tanzenden Schifflein ist ihm im allgemeinen besser ge-
lungen als die ruhige; ohne Staffage, ohne Schiffe, an
denen das ungebändigte Element seine Kraft erproben
kann, hat er das Meer auch kaum gemalt. Wenn man
seine Kunst in ihrer ganzen Bedeutung, nach ihrem vollen
Werte einschätzen will, muß man sie im Flusse der Ge-
schichte betrachten und an seinen Vorgängern messen.
Wie unwahr und theaterhaft, wie glatt und geleckt er-
scheinen doch neben ihm die Schotel und Meyer, die
noch bis in die siebziger Jahre die holländischen Marine-
maler waren. Wie vorteilhaft sticht von den Werken dieser
Meister Mesdags natürliche und männliche Kunst ab, wie
frei und breit ist seine Technik, verglichen mit ihrer klein-
lichen und ängstlichen Manier, die so oft an Porzellan-
malerei erinnert. Eine gewisse Großzügigkeit, wie sie in
Mesdags Kunst wahrzunehmen ist, kennzeichnete den Meister
auch als Menschen und als Sammler, und es ist nicht eins
seiner geringsten Verdienste, daß er seine kostbare Samm-
lung, in der besonders die Künstler der Barbizonschule so
glänzend und reich vertreten sind, als Museum Mesdag
1903 dem niederländischen Staat zum Geschenke gegeben
hat. Mesdag wurde am 23. Februar 1831 in Groningen
geboren, wo er bis zu seinem 35. Lebensjahre im Bank-
geschäft seines Vaters tätig war. Erst 1866 wendete er
sich der Malerei zu, arbeitete erst in Gelderland unter dem
Einflüsse der Landschafter Bilders und Roelofs und ging
dann nach Brüssel; 1869 ließ er sich im Haag nieder, wo
er bis zu seinem Lebensende gewohnt hat. M. D. Henkel.

In Wien verschied am 18. Juli 1915 im 62. Lebens-
jahre Regierungsrat Eduard Gerisch, Kustos an der Ge-
mäldegalerie der Akademie der bildenden Künste. Die
Qualitäten des Verstorbenen als eines ausgezeichneten und
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