Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 26.1915

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Tizians Gemälde »Jupiter und Kallisto« bekannt als »Die himmlische und irdische Liebe«

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Bilde aber noch weiter seinen Fortgang nimmt, ist
es wohl angebracht, meine Deutung in einer Kunst-
zeitschrift durch Wort und Bild des näheren auszu-
führen und zu belegen. Hoffentlich gelingt es mir,
alle restlos zu überzeugen einzig im Interesse der
Forschung, die endlich über diesen Punkt zur Tages-
ordnung übergehen könnte.

Durch das Wirrsal der bisherigen Deutungen führt
uns am besten Olga von Oerstfeldt (in den Monatsheften
für Kunstwissenschaft, III. Jahrg., S. 365 ff.), die selbst
wieder eine neue Auslegung versucht, dabei meine
ihr nur auf Umwegen und ohne Begründung bekannt
gewordene kühl beiseite schiebt (S. 369), ganz hin-
gerissen von ihrer eigenen Nachdichtung, die uns ein
Liebesmotiv aus Tizians Leben vorzaubern will. Neuer-
dings hat Jos. Poppelreuter (im Repertorium für Kunst-
wissenschaft Bd. 38, S. 41 ff.) dem Gemälde abermals
eine neue Deutung unterlegt, er kommt insofern der
richtigen nahe, als er wenigstens Ovid als literarische
Quelle anführt. Eine gelegentliche Erwähnung fand
meine Deutung durch Georg Swarzenski im Kunst-
geschichtlichen Jahrbuch der K. K. Zentralkommission
1908 (Bemerkungen zu Palma Vecchios »Verführung
der Calisto« im Städelschen Kunstinstitut) Seite 56.
Die dortigen Erörterungen überheben mich der Not-
wendigkeit zu beweisen, wie naheliegend gerade Stoffe
aus Ovids Metamorphosen bei den venetianischen
Malern zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren; es be-
darf auch nur eines Blickes in das Werk Giorgiones
und seines Kreises, "um diesem Stoffgebiet immer
wieder zu begegnen.

Tizian hat die Dichtung in der freiesten Weise
illustriert, so daß uns die beiden Frauengestalten im
allgemeinen nur andeuten, daß es sich um eine Liebes-
werbung handelt, was von fast allen Auslegern bis-
her angenommen wurde und sich als durchaus
richtig erweist. Nur das Relief an der Vorderwand
des Marmorbeckens benützte er seinen Bestellern gegen-
über, um den Gegenstand etwas sinnfälliger, wenn

auch nicht sofort in die Augen springend, anzudeuten.
Und dieses Relief ist es, welches meist mit Gestammel
beiseite gelassen oder auch vollständig mißdeutet
wurde: einmal ist es der Sündenfall, dann wieder
sieht man darin sogar die Darstellung widernatürlicher
geschlechtlicher Betätigung. Da auch die größten
Photographien dieses Relief undeutlich wiedergeben,
nehmen wir unsere Zuflucht zur Zeichnung eines
scharfsichtigen Kupferstechers. E. E. Schäffer fertigte
diese Zeichnung in den 1840er Jahren vor dem Ori-
ginal in der Absicht, das Gemälde zu stechen, doch
kam die Platte nicht zur Vollendung. Der Ausschnitt,
der hier gebracht wird, zeigt uns in der linken Hälfte
Kallisto, von Juno bei den Haaren gepackt, die rechte
die beginnende Verwandlung der von Juno Gezüch-
tigten in die unförmige Gestalt eines Bären. Zwei
Nymphen sind geängstigte Zuschauer. Damit werden
die Strophen illustriert:

Juno sprachs, und ergriff an der Stirn ihr die Locken

und warf sie

Vorwärts hin auf die Erde. Sie hob demütig die Arme.
Doch es begannen die Arme von dunkelen Zotten

zu starren . . .

Damit möchte ich mein Beweisverfahren schließen in
der Hoffnung, daß diese Deutung als die richtige
anerkannt wird; tatsächlich spricht alles auf dem Ge-
mälde für dieselbe, nichts dagegen.

• *

*

Wickhoff (im Jahrbuch der preuß. Kunstsamm-
lungen XVI, 99 ff.) hat uns bei dem Versuch der
Deutung von Gemälden Giorgiones und seines Kreises
in allzu entlegene Gefilde antiken Schrifttums geführt;
er selbst gibt zu, daß diese Quellen und deren Kom-
mentare den Künstlern weitab lagen und behilft sich
damit, daß ihnen die Stoffe von gelehrten Freunden
zugetragen wurden. Ich kann in Giorgiones »Die
drei Philosophen« in der Wiener Galerie beim besten
Willen nichts anderes sehen (unabhängig von Crowe
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