Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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mrt Dworak vorgeschlagen, dieser solle nach Wien übersiedeln und
lediglich seinem Schassen leben. Dworak meinte, dies ließe seine
Lage nicht zu, so sehr sie sich auch gebessert habe. Da sagte Brahms:
„Das tut doch nichts. Geld habe ja ich!" Er fand es selbstverständ-
lich, ja empfand es fast als Pslicht, aus seinem Äberfluß seinem
Kunstgenossen das Leben sorgenlos zu gestalten. Dworak lehnte ties
bewegt ab.

Auch Verdi verehrte Brahms, seine Vollblutnatur imponierte
ihm gewaltig. Er konnte sogar an Maseagni, den man ja eigent-
lich nur in großer Entsernung von diesem Meister nennen sollte,
das Temperament, die Dirigentengabe, das „reizende Klavierspiel"
rühmen!

Der Vielseitigkeit von Brahmsens Wesen, seinem ehrlichen Be-
dürsnis, auch das ihm Wesensfremde nach seinem Werte einzuschätzen,
entspricht auch die Würdigung von Iohann Straußens ur-
wüchsigem Talente. Brahms kannte zahllose Walzer und Stücke von
Strauß auswendig, nannte den „Donau-Walzer" stets „die lustige
Volkshymne" der österreicher, versäumte niemals die Erstaufführung
einer Straußschen Novität, sei es einer Operette oder nur einer
pikanten Polka, und konnte nicht genug den Geist und den Wohl-
klang der Straußschen Orchestrierung rühmen. Von den Rngarn ver-
ehrte er die Zigeunermusik, die er immer wieder hören konnte.

An Robert Fuchs, dem von so vielen Aller-Modernsten
über die Achsel angesehenen Klein- und Feinmeister, lobte und ehrte
Brahms außer der eigentümlichen Begabung die entzückende Arbeit:
„Wie echt musikalisch ist das alles!" Auch Fuchs kam durch Brahms
zu Simrock, der eine lange Reihe Fuchsscher Werke verlegte und
ihm dadurch einen neuen großen Kreis gewann.

Viel ließe sich noch sagen über Brahmsens Verhältnis zu andern
schassenden und ausübenden Künstlern älterer und neuerer Zeit. Das
aber wird schon aus diesen Zeilen erkannt werden: Brahms war
kein einseitiger, ablehnender, borstiger Mann, sondern einer, der stets
bereit war, das Gute nicht nur zu erkennen, sondern auch zu sördern.
Er war von jener echten inneren Bescheidenheit und tiefen Seelen-
güte, die er hinter einer künstlich gemachten, rauhen Außenseite sorg-
fältig, sast schamhast verbarg. Seine Worte wollen mit dem Herzen
und nicht nur mit den Ohren ausgenommen sein.

Wien Richard Heuberger

Die Werke uud wir

5. Zvhannes Brahms in seiner KLMmerwusik

In Brahmsens Kammermusik vor allem muß sich versenken, wer
zu einer wahren und vollen Würdigung des Meisters kommen will.
Wer diesen Schatz sich zu eigen gemacht hat, der unterschreibt schon
die vielberusene musikalische Dreisaltigkeitssormel der drei großen B,
die bekanntlich von Bülow herrührt. Allerdings, Kammermusik gehört
> den besonderen musikalischen Aristokraten und Feinschmeckern. Sie
bringt die Innerlichkeit spezisisch deutschen Musikempsindens, wie keine
^ andere instrumentale Gattung zum Ausdruck, sodaß Vollgültiges hier

Kunstwart XX, jZ ^
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