Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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hinderte Verbrechen auch nicht. Und
als hätten die Verwüster jetzt Kraft
zu entscheidenden Schlägen gesaßt,
so holen sie allerorten mit Wucht
dazu aus. Die Zugspitze, die Schnee-
koppe — erbarmungslos packt man
ihnen Schienenbündel auf. Damit
man fünfzehnhundert oder zwei-
tausend oder zweitausendfünfhundert
Meter über Meer im Gehrock sou-
pieren und das ^ournal amu8aui
nebst den letzten Kursberichten lesen
kann, wird dem Berg sein Stolzestes
genommen. „Dajewesen!" schreibt
Kieselack oder Stieselack dann auf
den „gemachten" Gipfelfels. Amd
meint, in Berlin oder Dresden sei
das Essen doch billiger, der Kaffee
genießbarer.

Kürzlich wollte ein Mann auf
die etwa fünfzig bis sechzig Meter
hohen Müggelberge bei der Reichs-

hauptstadt (ein übrigens sehr inter-
essantes, eigenartiges Gletschersand-
Geschiebe) eine echte Zahnradbahn
leiten. Die Behörden hatten be-
reits zugestimmt; da ist es in letzter
Stunde dem vereinten, rücksichts-
losen Hohn etlicher Entschlossener
gelungen, wenigstens diesen lokalen
Unglücksfall zu verhüten. Ietzt tut
mir's fast leid, dem Manne das
Geschäft verdorben zu haben. Wenn
Brocken und Schneekoppe und Zug-
spitze entweiht, alle frischen Wald-
täler im Lande verschmutzt werden
dürfen, dann haben anch die arm-
seligen Müggelberge kein Necht auf
bessere Behandlung. Der Eisenbahn-
Bau- und Betriebs-Amternehmer
Herr Krok von Böblingen ist der
heimliche Kaiser unsrer Tage. „Alles
muß verrungeniert sein."

Richard Nordhausen

Llnsre Bilder und Noten

Seit wir zum ersten Male von C. D. Friedrich gesprochen und
Bilder von ihm gezeigt haben, ist er, besonders durch die Iahrhundert-
Ausstellung in Berlin, so lange, lange Zeit nach seinem Tode ein be-
rühmter Künstler geworden. Aber von seinem Sohne Gustav Adolf
Friedrijch spricht man noch nicht. Er war auch nicht annähernd
so groß wie sein Vater, er war nicht mehr als ein tüchtiger Landschaster
und Tiermaler, wie damals sicher eine ganze Anzahl lebten. Gerade
weil das der Fall, bringen wir heute ein Bild auch von ihm, denn uns
scheint, daß diese ganze Gattung von Malerei neben dem berechtigten
und notwendigen Probleme-Lösen und Probleme-Suchen der modernen
Kunst doch unterschätzt werde. Männer wie Gustav Adolf Friedrich hatten
nichts Anspruchsvolleres im Sinn, als aus der Landschaft und ihrer
Belebung durch Mensch und Tier freundliche Eindrücke zu schöpfen, sie
arbeiteten nicht sentimental-unwahrhaftig, aber sie rangen auch nicht darum,
die Wirklichkeit bis in ihr leisestes Lichtzittern zu „fassen", noch strebten
sie bewußt, die Kunst als solche weiterbringen zu wollen. Waren sie keine
Genies, so kam nichts Großes, nichts Bedeutendes dabei heraus, aber immer-
hin etwas, was auch unser Geschlecht wohl brauchen könnte und was es
sich so oder so wieder verschaffen muß, wenn es nicht Schaden leiden soll
zumindest an seinen „Nerven": Rastpunkte für die vom Tagesgeschäft
überlärmte Seele, Erholungsplätzchen des Gefühls. Die befriedigte Ruhe,
die aus solchen Bildern auf unsre Eltern strömte, die sollten auch wir
weniger entbehren müssen, als wir vor unsern Kunstwerken tun.

Loujs Lorinth hat uns in einem ungemein charakteristischen
Bilde Peter Hilles Züge und Haltung ausbewahrt. Es freut uns,

(. Septemberheft V07

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