Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

Page: 18
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart20_2/0033
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
So sollten wir endlich mit dem bisherigen Schlendrian brechen.
Mit dem geistlosen Addieren von Schemakomplexen und ihrer Aus-
stattung nach Schema F. Man sollte auch von den Architekten, die
für unsre Soldaten bauen, Lust und Liebe zur Sache verlangen. Man
gebe einem, wie Alfred Messel, eine große Kasernenanlage in Auf-
trag, bei der er frei schalten und walten kann, und man wird sehen,
was für einen künstlerischen Organismus er uns hinstellen wird. Nun,
vielleicht geht auch hierin das kleine Hessen dem mächtigen Preußen
voraus. Die nächsten Ausstellungen angewandter Kunst dürfen uns
nicht nur Schulen und Arbeiterwohnhäuser, sie müssen uns auch
Modelle und Pläne von Kasernen zeigen, die unsrer und unsrer ge-
sündesten Iugend würdig sind.

Berlin K S—n

A Lose BLLLter sß

Iugenderinnerungen von Marie von Ebner-Eschenbach

s^Wenn ich wieder einen Band dieser unsrer größten lebenden Dich--
terin aus der Hand lege, hab' ich immer ein Gefühl, wie damals, wenn
ich wieder einen neuen Band des alten Fontane gelesen hatte. Verehrung
mit jenem besondern Gefühl, das dem Dank etwas wie Liebe beimischt,
dem Gefühl, ganz persönlich beschenkt zu sein. Der Märker und die
österreicherin, sie sind miteinander verwandt. And was ihnen gemein
ist, das hat in diesem Maße unter all unsern Schriftstellern der letzten
Iahrzehnte keiner und keine. In beiden eine Vornehmheit, die, ob->
gleich Fontane ja nicht aus dem Adel stammte, doch bei ihm wie bei der
Lbner die eigentümliche Färbung des Aristokratischen trug. In
beiden eine Feinfühligkeit, deren Sicherhcit nie versagt. In
beiden die höchste Reife, die uns Menschcnkindern erreichbar scheint,
und als dieser Reife Frucht das gütige Alles Verstshen und Alles Ver--
zeihen, die Milde, die keine andre Herbheit kennt, als die gssnnde später
Sonnentage im goldcnen Herbst. Dabei nicht die Spur von Beziehungen
zwischen den beiden; vielleicht habcn sie kaum voneinandcr gewußt. Und
der eine so sehr Mann, wie die andre Frau ist. Es ist doch schön,
daß Süd und Nord des deutschen Wesens diese beiden fern voneinander
wandclnden Geschwister gebildet haben.

Auch darin ähneln sie sich, daß ihre Kraft mit dcm Altern ehcr
wuchs als nachlicß. Welch eine Künstlerin ist Marie von Ebner noch
immerl „Die unbesiegbare Macht" ist erst im vorigen Iahre erschienen,
und wie zeigte sich das Alter ihrer Verfasserin, wenn nicht in dem,
worin sich das „Greisen des Wcines" zeigt? Nun legt sie uns wieder
ein Gcspiust von höchster Feinheit in die Hand, die biographischen Skizzen
„M eine Kinderjahr e". Kritisieren kann ich diesss Buch nicht, denn
ich habe nichts „an" ihm zu kritisieren: es ist mir in den paar Tagen,
seit denen ich's kenne, zu nahe getreten dazu. So bitte ich die Leser,
anf den folgenden Blättern in seine Zimmer und Gänge hineinzuschauen,
wie durch ofsne Fenster. Mich sollt' es verwundern, wenn nnsre Freunde
nach dem, was sie schon hier sehen, nicht zu längerem Verweilen ins
Haus selber eintreten wollten! And aus seinen Räumen in die andern
Bauten, die dieser Dichtcrin gehörcn, wenn sie sie noch nicht kennen

t8 Kunstwart XX, sZ !
loading ...