Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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und Farbencharakteristik legten, faßt-der Impressionismus den Vor-
satz, nach Manets Anschauungen zu malen und sich bewußt dieser
Kette als jüngstes Glied anzuschließen. Die Frage, ob solche Vorsätze
frei künstlerisch seien, beantwortet einer der entschiedensten literarischen
Parteigänger des Impressionismus, indem er selbst alle vorsätzliche
Malerei als Schwäche und Unwahrhaftigkeit hinstellt.

Derselbe Schriftsteller stellt es als nichtdeutsch hin, von
altdeutschen Meistern technische Dinge „abzugucken", er spricht aber
nicht davon, was es sei, von Manet technische Dinge abzugucken.
Sieht der an dieser Stelle genannte Thoma dem Böcklin, welche
beide die Altdeutschen beguckten, wirklich so ähnlich, wie die ver-
schiedensten impressionistischen Bilder sich ähnlich sehen?

Mit welcher Begründung kommt Feuerb ach in die Gesell-
schast der Impressionisten? In seinem „Vermächtnis" sagt Feuer--
bach, der Realismus sei die niederste Kunstart und kennzeichne den
Versall. Und doch soll Feuerbach nunmehr ein Vorbild des Im«
pressionismus sein? Das könnte ja einen Fortschritt bedeuten und
ließe hosfen, daß der Impressionismus mit der Zeit auch Thoma
und Böcklin verstehen und achten lernen wird.

Ist Leibl unter den heutigen Impressionismus einzureihen?
Gleicht er nicht eher einem Holbein als einem Manet?

Sind mehr technische Dinge von Manet „abzugucken" als
von Memling, Rogier und den Brüdern van Eyck, welche unstreitlich
die Meister der reinsten und haltbarsten Malweise waren? Steht
denn umfangreiche Kenntnis der Farben und ihrer Wirkungen und
der tatsächliche Gebrauch derselben dem Naturverständnis wirklich im
Wege? Soll die Freude an Raumvertiesung, an den schönen Farben,
an großen Lokalsarben, sowie an schars modellierter Form aus der
Kunst ausgeschaltet werden? Soll ein gewisser Rhythmus von Linie,
Form und Farbe und von Licht und Schatten, soll alle Phantasie
und Poesie in der Malerei von jetzt ab unkünstlerisch sein?! Soll
die Auslösung der Lokalsarben und der Formen in Licht und Lust
auch den Malern der Länder unter Höhenlust ausgezwungen werden?
And wer erhebt sich zum „Kunstpapst", der solche Dogmen vertritt?

Niemand wird den Segen verkennen, den der Impressionismus
in einer Zeit der „Schlassucht" gebracht hat. Aber ebensowenig
wird man in unserer Gegenwart, in der eine wahrheits-
gemäße Naturerkenntnis aus allen Gebieten mit Macht um sich greist
und in der die geistige Freiheit nichts Sonderbares mehr ist, an die
Durchsührungsmöglichkeit von Kunstdogmen glauben, wie sie der Im-
pressionismus ebenso anmaßend wie konsus vertritt.

München Edmund Steppes

Lose Blätter

Aus Carl HsupLmanns „Moses"

jsCarl Hauptmanns Bühnendichtung „Moses", kein Schau- oder
Trauerspiel im gewöhnlichen Sinne, begleitet den gewaltigen Führer
Israels von Gosen bis zum Ziel. Da die äußern Umrisse der Hand-
lung jeder unsrer Leser kennt, ist eine Inhaltsangabe entbehrlich, da

y Iuniheft 1907

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