Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Darstellungsfornr gefunden hat. Am so ergreifender ist der Reiz dieses
Buches, als Nietzsche hier eine Selbstanalyse seiner Persönlichkeit gibt.
Und wie wichtig Nietzsches Persönlichkeit für die Darstellung seines Werkes
ist, ist bekannt. Was tat Frau Förster-Nietzsche? Dieses runde, ein--
heitliche, wunderbare Werk, dem alle die Arbeit Nietzsches an der Um--
wertung zugute gekommen ist, das er noch kurz vor Loresschluß in der
letzten Sammlung, dem letzten Erblühen seiner Kräfte geschrieben hat,
zerhackt Frau Förster-Nietzsche in lauter kleine kümmerliche Vruchstücke,
die sie haufenweise in alle Feuilletons und ihre Biographie einstreut.
Es ist dies wobl die größte literarische Sünde, die unsre Literatur
aufzuweisen hat. Es ist ein durchaus berechtigter Standpunkt, das
liees doino nicht so, wie es vorlag, Wort für Wort zu edieren. Denn in
diese Schrift spielt ohne Zweifel die hereinbrechende Krankheit in einer
schauerlichen Weise hinein. Aber dann mußte die Schwester Nietzsches
diese merkwürdige Schrift als Ganzes zurückstellen, als Gabe sür ein
späteres GeschlechL. Aber nicht durfte sie nach blindem Gesallen hier ein
Stück herausreißen und dort ein Stück herausreißen. . . Wollte sie un--
bedingt schon jetzt den Zeitgenossen etwas vom Loos donio mitteilen, so
hätte sie auch dann das Buch als Ganzes für sich herausgeben müssen,
und konnte mit vorsichtiger Hand die Partien oder Stellen crusschalten,
die sich für eine heutige Publikation noch nicht eignen. So hat sie dieies
einzige Werk zum Schemel ihrer eigenen Produktion herabgewürdigt,
in tausend Fetzen zerrissen."

Wer an den Werken und der Persönlichkeit Nietzsches Anteil
nimmt, wird die Horneffersche Broschüre lesen mnssen. Vor allem
forderk ader die Gerechtigkeit, daß alle die von ihr Kenntnis nehmen,
die die Aufsätze der Frau Förster und ihrer Gefolgschaft — ins-
besondere die gegen Overbeck gerichteten Artikel — gelesen und aus
ihnen ihre Urteile geschöpft haben. And nun: während Hornessers
Schrift in der Schweiz und in Osterreich die gebührende Würdigung
gesunden hat, ist sie von der Presse des Reichs bisher gänzlich tot-
geschwiegen worden, trotzdem der Verleger alles für ihr Bekannt-
werden getan hat. Bei der Beachtung, die die Schmähartikel gegen
Overbeck gefunden haben, kann das Ignorieren der Gegenschrift kaum
auf einem Zusall beruhen. Sollte hier wieder einmal ein eklatanter
Fall von der Feigheit der Presse vorliegen? Sollte wirklich Frau
Förster, die Hüterin der Archiv-Schätze, in allen Nietzsche betrefsenden
Dingen eine Art Monopol haben, gegen das niemand anzukämpfen
wagt? Der Kunstwart würde kaum Anlaß gehabt haben, sich so
ansführlich mit dieser Angelegenheit zu befassen, wenn in der Presse
das „^.uäiatur ot altora xars" besser befolgt worden wäre.
Dresden Erdmann

Venedig

Ienseits alles Naturalismus, der der Kunst das Gesetz der ihr
Lußeren Dinge auferlegt, steht eine Wahrheitsforderung über ihr:
ein Anspruch, den das Kunstwerk zu erfüllen hat, obgleich er nur
aus ihm selbst quillt. Ruht ein mächtiges Gebälk auf Säulen,
denen wir folche Leistnng nicht zutrauen, geben uns die patheti-

2. Iunihest GOk 299
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