Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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AUge-
metneres

Onkel Sjögreen kauerte noch im Pavillon» Rutta saß bei ihm.
Also war ihr Großvater nicht ertrunken, sondern erschlagen, und der
Schädel da vor ihr . . . ihre Augen waren weit geöffnet. Onkel Sjögreen
rang die Hände.

„Ich habe das angerichtet, ich allein."

Er war nicht zu trösten, so viel Rutta auf ihn einsprach, daß ihn
nicht die geringste Schuld träfe. Endlich verließen auch die beiden das
Gartenhaus. Onkel Sjögreen schloß ab, sprang plötzlich davon, und Rutta
sah, wie er am Strand etwas ins Wasser schleuderte. Er kam zurück:

„Ich gehe nie mehr hinein. Ich habe den Schlüssel weggeworfen."

Rutta hatte trotz der schrecklichen Stunde die Besinnung behalten.

„Aber dein Museum?" fragte sie. „Laß nur erst Zeit vergehen.
Wir müssen es überwinden."

Onkel Sjögreen schüttelte den Kopf.

Das Geheimnis war aus Thoras Seele in noch vier Seelen hinein-
geflossen, aber es wurde darum aus der Alut nicht Ebbe, sondern die
Flut hatte sich fünffach vermehrt und türmte ihre düstern Wogen in
jeder Seele gleich hoch. Mit verschlossenen Fensterläden lag der Pavillon,
wo die Sünde den Tod geboren hatte, und wenn Onkel Sjögreen an der
Stätte vorüberschlich, da der furchtbare Schlag gefallen war, so dünkte es
ihn, als schwebe dort eine Kugel aus schwarzen, rußigen Dünsten» die
durcheinanderwallten. Die Kugel tanzte langsam auf und ab und sprühte
nach allen Seiten spitze, giftige Dämpfe aus, in ihrem Innern aber
glühte ein unheimliches, violettes Licht.

Anklare Schlagworte 4

Ewige Gesetze

Mit dem Entdecken ewiger Ge-
setze ist es eine mißliche Sache
auf allen Gebieten. Besonders in
der Geschichte des Welterkennens
kann man sich davon überzeugen.
Doch werden sie, auch auf dem
Gebiete der Kunst, nicht selten als
etwas Selbstverständliches be-
tont. Es ist nur unangenehm, daß
diese ewigen Gesetze nicht schon längst
so gewirkt haben, wie es zur Er-
reichung einer wirklichen Kunst
wünschenswert wäre. Vielleicht ist
auch ihre Formulierung nicht so
einfach. Allein, es hört sich so
schön an: ewige Gesetze! „Ewige",
welche Fülle der Gefühle werden
wach; „Gesetze", das tönt wie
etwas Stahlhartes, Ehrwürdiges

mit schützenden Händen. Freilich:
Wie lange Erfahrungen haben
wir denn mit unsern Bruchstück-
kenntnissen? Manche Weisheit ist
ein paar Iahrtausende alt, besten-
falls; was ist das gegen die zeit-
lose Ewigkeit? Aber die meisten
sind wesentlich jünger, und selbst
die ältesten Erdengötter können ja
„dämmern".

Das Ewige kann recht verschieden
aussehen, je nach dem Beschauer,
der es versucht, sich ein einheitliches
Weltbild zu gestalten, also von der
Voraussetzung ausgeht, daß das
Weltbild ein einheitlichss sein müsse,
weil es sonst unverständlich wäre.
Nimmt man das an, so muß man
auch annehmen, daß stets dieselben
Gesetze gewaltet haben, nach denen
sich das Weltgeschehen wie nach

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Kunstwart XX,
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