Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Aus „End und Ansang" von Hans, Grasen vvV Veltheim

ßÄber Veltheims, des „Verschollenen^ Schafsen, sein Leben und
seine Schicksale in der Literatur spricht Leopold Weber in einem Aufsatze
dieses Heftes. „End und Anfang", des Dichters letztes dramatisches Werk,
schildert den Zusammenbruch der alten Welt Roms unter dem Ansturm
der Germanen, Hunnen, Alanen und Avaren des Gotenkönigs Alarich.
Mit und in dieser „weltgeschichtlichen" Lragödie entwickelt es drei »Per-
sönlichkeitstragödien": die des Vandalen Stilicho, der als Reichsverweser
für den „unmündigen" Honorius dem schwächlichen Mißtrauen und der
Heimtücke derer zum Opfer fällt, die er, der Germane, gegen Germanen
schützt; dann die des Patriziers Olympius, der sich und sein Volk zum
Selbstmorde treibt, indem er sich zu den Gegnern Stilichos gesellt und
ihn, den letzten Schutz Roms vor den Barbaren, aus dem Wege räumen
läßt, um es nicht unter Stilichos Einfluß in friedlicher Eroberung ger-
manisch werden zu lassen; und endlich die des Gotenkönigs Alarich, dessen
Edelsinn sich empört gegen die Schicksalsrolle, in die ihn sein Ehrgeiz und
seine Rachsucht gedrängt haben, da er an der Spitze seines wilden Heeres
heranzieht, den Reichtum einer tausendjährigen Kultur zu vernichten.

Diese letztere, die Tragödie des Siegers im „Weltuntergange" ist
es, deren wichtigste Stellen im folgenden sestgehalten werden sollen.

Zunächst tritt uns „Alarich in Rom" entgegen. Er erwartet,
endlich das Land angewiesen zu erhalten, das der verstorbene Kaiser den
Goten versprochen hat. Während er in den Lustbarkeiten und Schwel-
gereien auszugehen scheint, mit denen ihn die „Politik" zu zerstreuen
sucht, beobachtet er mit scharsem Blick Rom und römische Art. Nun ist
ihm das Kapitol hinauf des Olhmpius schwarzer Sklave gefolgt, der einst
ein Fürst in Afrika war: er reizt das Verlangen des Barbarenkönigs, indem
er ihm die ewige Stadt in der stolzen Pracht ihres alten Ruhmes wie
in der erbärmlichen Verkommenheit und Schwäche unter diesem Glanze
weist. Dabei entrollt er vor unsern Augen ein umfassendes, geschichtliches
Bild der Vergangenheit und Gegenwart RomsZ

G

(Auf dem Kapitol. Alarich tritt auf, gesolgt von Njalo.)

Njalo: Ich bin der Sklave des Olympius, Gote,
der dich zum Mahl entbot auf diese Nacht.

Vergönne, daß als Führer dich geleite,
den dir der Herr geschickt, der ält'ste Sklav',
der Rom seit Iahren kennt.

Alarich: Dich schickt Olympius? —

Sehr freundlich ist der Mann — und mehr als gut.

Doch willst du meinen Fragen rasch genügen,
so komm, dein Haar ist weiß; dein Wort
sei reich an Iahren wie dein Haupt. — Wie lange
i bist du in Rom?

j 2. Aprilheft M7 73^
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