Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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daß Ruederer schilt, weil er schelten
muß, nicht als Poltron aus Lem-
perament, sondern aus dem Pflicht-
gefühl als Mann: schilt, weil du
das werthältst, worauf zu schelten
ist. Auch zeigt sich, was er sagt,
stets als selber erlebt, nicht als zu-
sammengehört und gelesen — wir
wünschten jeder deutschen Stadt
solch einen Kritiker. Bahr dagegen
treibt's, als wollt' er sich selber
zum Beispiel für seine Behauptung
aufstellen: der Wiener ist nie er

selber, er schauspielert immer, und
so spielt er diesmal die Rolle des
unbeteiligten Aberlegenen. Auch in
seinem Buche ist manches sehr
lesenswert, nur ist dieses Beste nicht
neu, sondern es stammt, was Bahr
auch gar nicht verschleiert, von
Kürnberger. Was hat Bahr schon
alles „überwunden", nun also auch
„Wien", dessen Literatentum er so
Lhpisch verkörperte — geht er all-
mählich ins Fach der edlen Väter

über?

Llnsre Bilder und NoLen

Ansre Bilder erfordern diesmal nur wenige Worte, denn über
Liebermann spricht ja unser ganzer erster Aufsatz. Die Leser be-
kommen in diesen Tagen unzweifelhaft eine große Menge von Nach-
bildungen Liebermannscher Kunst zu sehen, deshalb und dann, weil wir
ja gleichzeitig eine zusammenfassende Mappe über den Künstler heraus-
geben, sühren wir an dieser Stelle hier ein paar weniger bekannte
Gestaltnngen vor. Es sind darum ganz gewiß keine minderwertigen,
uns scheint im Gegenteil, als seien es ganz besonders schöne. Die „Kar-
t o f f elb u d d l e r" nach einem Pastell von MO in hamburgischem Privat-
besitze sind uns so lieb, daß wir sie als Vorzugsdruck in Photogravüre her-
ausgeben möchten. Sie zeigen den Liebermann, der frisch von Millets
Schule kommt, aber im Besten schon ganz er selber ist, mit der von
feinem Naturgefühl gestimmten Kunst seines Lichts. Dann möchten wir
unsern Freunden einmal Radierungen von ihm zeigen, die ja noch
merkwürdig selten zu sehen sind. Die „Z i e g e n h i r t i n", eine Radie-
rung nn vsrnis nion zu gleicher Zeit mit den Kartoffelbuddlern ent-
standen, in der Graulschen Mappe bei Paul Cassirer erschienen, bietet
bei äußerlich ganz ähnlichem Motive ein ganz ander Bild: das Dunkel
herrscht vor, weil der Horizont höher genommen ist, das Licht spielt
ganz anders nm die größere Gestalt. Und wieder ganz anders wirkt
die „Karre in den Dünen" in gleicher Technik und aus derselben
Sammlung — es nenne Liebermann einförmig, wer diese Blätter mit-
einander vergleicht! Die neueste der von uns reproduzierten Radie-
rungen ist aus dem Ende der neunziger Iahre das Blatt mit den
„N e tz e s l i ck e ri n n e n" des Münchener Radiervereins. Hier sind es
die Menschen, die den Raum gliedern und vertiefen, die Menschen,
mit denen der Raum gleichsam lebt. Lohnt es sich nicht, auch den
Radierer Liebermann kennenzulernen?

2. Iuliheft

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