Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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und anderen Schönheiten mehr, will ich schweigen. Es ist so schon
des Anerquicklichen genug.

Ich möchte alle, die Einfluß auss Volk haben: Geistliche,
Lehrer usw. bitten: sorgt dasür, daß diese Trachtenseste keine
Beteiligung mehr sinden; haltet die Leute ab, sich zu prostituieren.
Auch die Veranstalter werden vielleicht der Bitte zugänglich sein:
überlegt, was ihr hier tut. Der Ansug der Trachtenfeste muß aushören.
Bottenhorn Karl Spieß

Die Verbreitung guter Literatur

(Schluß)

Was die Volksbibliotheken sür die Verbreitung
guter Literatur leisten können, läßt sich kaumüber--
schätzen. Goethe hat einmal den Rat gegeben, daß man jeden Tag
in einem guten Buche lesen solle. Wie soll das aber der Fabrik-
arbeiter oder der Bauer möglich machen, wenn er nichts zur Ver-
sügung hat als ein paar Bücher, die er sich — salls er es über-
haupt getan hat — allmählich angeschafft hat? Gewiß soll man
gute Bücher mehr als einmal lesen können, aber es ist nicht zu ver-
langen, daß man sich dauernd auf ein halbes Dutzend Bücher be-
schränkt. Auch fordert die bis ins einzelne getriebene Teilung der
Arbeit einerseits, die Mannigfaltigkeit der Welt und die Buntfarbig-
keit der Natur andererseits so sehr zu weiterer Lektüre heraus, daß es
nicht zu verwundern ist, wenn sich unser Volk leidenschaftlich nach
reicherem Lesestoff sehnt. Ia, es würde geradezu als das Kenn-
zeichen eines stumpssinnigen Volkes aufgefaßt werden müssen, wenn
es diesen Wunsch nicht hätte. And wie weiß das deutsche
Volk zu lesen! Wie oft erzählen in den Volksbibliotheken die
Augen der Leser, wenn sie ein Buch zurückgeben, wie schön es war —
auch wenn ihr Mund nichts davon sagt. And die Wünsche, die die
Leser aussprechen, sowie die starke Benutzung bestimmter Schriftsteller
und Literaturgebiete zeigen deutlich, wie stark der Einfluß ist, den die
Volksbibliotheken ausüben können.

Ieder Volksbibliothekar, der den ernsthaften Versuch gemacht
hat, nur gute Literatur in seiner Bibliothek einzustellen, wird die
Erfahrung gemacht haben, wie schnell die Leser sich „hinauflesen".
Gewiß kommt es häufig genug vor, daß eine Näherin oder ein Dienst-
mädchen ein Buch von der Eschstruth oder von der Marlitt zu erhalten
wünscht. Aber es kommt nach meiner Erfahrung nicht vor, daß sie
den Rücken kehrt, wenn ihr gesagt wird, daß diese Bücher nicht vor-
handen seien, daß sie aber andere schöne Bücher erhalten könne.
Was sich in dem Wunsch nach einem Buche der Eschstruth ausspricht,
das läßt sich auch befriedigen, wenn man ihr einen Band 'Heden-
stjerna, Paul Heyse und später Theodor Storm in die Hand gibt.
Es kommt wirklich nur darauf an, den Benutzern die guten Schrift-
steller und die wirklichen Dichter bekannt zu machen, die sie anfangs
meist nicht einmal dem Namen nach kennen. Haben sie erst einmal
etwas von diesen gelesen, so finden sie viel Geschmack daran, und sie
mögen später flache Bücher überhaupt nicht mehr lesen. Ich habe

(. Augustheft (907_47Z ^
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