Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

Page: 489
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart20_2/0582
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
gut zugänglichen Stückchen von Grnn begehrt und benutzt, die ihm
dargeboten werden. Ein lehrreicher Kontrast zu jenen totliegenden,
wohlgepslegten nnd wohlumzäunten, noch dazu geometrisch inter-
essanten Platzgärtnereien! Die deutschen Städte, die sonst gerade
in der Mannigfaltigkeit ihrer Darbietnngen groß sind, kommen in
diesen Dingen wenig über Kleines und Kleinliches hinaus. Wir
brauchen unter allen Umständen mehr als bisher Anlagen, welche
nicht nur gutgemeint sind, sondern auch ihren Besuchern eine gute
Meinung, eine glückliche Stimmung und eine fruchtbare Freude
erzeugen.

B e r l i n - H a l e n s e e Hans Schmidkunz

Aus OLLomar Enkings „Darnekowern"

lOttomar Enking hat mit seiner auch von uns (Kw. XVII, (0)
empfohlenen „Familie P. C. Behm" seinen Namen schnell und glücklich
bekanntgemacht, aber wer diese Erzählung aus dem Leben einer kleinen
Stadt, kleiner Verhältnisse und kleiner Seelen mit ihrer ins kleinste
gehenden Lharakteristik und ihrem ins kleinste fühlenden Humor kennt,
der wird vor dem jüngst bei Bruno Lassirer in Berlin erschienenen Enking-
fchen neuen Buche „Die Darnekower" zunächst verwundert stehen. Skiz--
zieren wir kurz die Handlung: Die greise Thora Sjögreen bewirtschaftet
das mecklenburgische Gut Darnekow zusammen mit ihrem Enkel Ludwig
Vagt. Aber auf Haus und Hof und Seelen lastet der Fluch eines Mordes.
Den hat Thoras Gemahl Erek vor vielen Iahren begangen aus Eifersucht
an Gunnar von Lassom, dem Geliebten seines Weibes. Thora zwang
damals Erek, den Toten im eigenen Garten zu verscharren, sie waren
nun beide schuldig, und das Geheimnis blieb bewahrt. Erek fügte
sich der grausig starken Frau, bald aber starb er siechen Leibes und siechen
Geistes. Nun herrscht die starre Thora allein, die an Gott glaubt,
die weiß, daß er sie einst verdammen wird, die aber, solange sie noch
lebt, ihre Kraft gegen die seine setzt und ihm trotzt — eine von Enking
kühn gesehene, keineswegs unwahrscheinliche merkwürdige Gestalt, die
eigentliche Trägerin seines Werks. Sie hat ihre schwachen Kinder über-
lebt, sie leitet nun den Lnkel mit ihrem finstern und festen Sinn. Der
junge Ludwig sehnt sich nach Frohsinn, Liebe, Glück — beinahe unter-
liegt der gesunde Naturmensch den Verführungskünsten seiner schönen
und herzlosen Cousine Rutta. Die aber zieht ihm schließlich den reichen
schwedischen Konsul Lundquist vor, und nun findet er selber den er-
sehnten häuslichen Frieden zusammen mit Annemarie, einem ihn treu
liebenden Landkinde. So würde wohl alles allmählich gut werden, wäre
nicht der düstere Taxusschatten dort, wo die Gebeine dessen modern,
den sie draußen im See ertrunken glauben: der alten Thora ist es Ge-
wißheit, daß für seinen Tod Vergeltung kommen wird, und sie ver-
heimlicht wohl ihr Wissen, aber ihren Glauben an dieses Nnheil nicht:
der schleicht von ihr aus wie ein heimliches Gift dnrch allen Frohsinn
auf Darnekow und zerfetzt auch Ludwigs und Annemaries warmes Glück.
Sie fühlen alle den Druck, sie leiden darunter, aber nur eine weiß
davon. Da macht ein böser Zufall, den Thora ein Verhängnis nennt,

(. Augustheft (907 ^89
loading ...