Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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bildenden Kunst ist das große „Abkürz"-Werk, soweit es sich ans Volk
wendet, wirklich eben erst begonnen, es kann hier sowenig wie anders«
wo durch ein rnechanisches Reproduzieren gefördert werden. Aus allen
diesen Gebieten braucht's ein ernsthastes Sichversenken in die be-
sondre Aufgabe, ein Anpassen des Wie von Fall zu Fall und
ein künstlerisches Arbeiten. Auch was so entsteht, wird ja immer
noch die Mängel des Menschlichen zeigen. Aber jeder geglückte Ver-
such solcher Art bringt doch in der Volkswirtschaft der Geistesgütev
einen Schritt vorwärts. A

Erwnerungen

Manch einer braucht geraume Zeit, bis ihm der Sinn für Er--
innerungen und Briefe andrer Leute aufgeht. Manch einer empfindet
den Reiz sokcher Bücher nie: die Phantasie, sagt er, komme bei diesen
Berichten aus dem Alltage nicht auf ihre Rechnung. Ein recht schöner
Roman sei doch viel spannender, weil unwirklicher. Aber wiegen nicht
Bismarcks Gedanken und Erinnerungen mit ihren äußerst spannenden
Wirklichkeiten gerade in dieser Beziehung recht viele spannende Romane
auf? Gewiß erweitern auch die verschrobensten Romane auf ihre Art die
Kenntnis der menschlichen Seele: wir sehen dann, wie sie umhertaumeln
oder -stelzen kann, welcher närrischen Verkleidungen sie fähig ist. Aber dieser
Gewinn einer Erkenntnis von mehr oder minder verrückten und natur--
vergessenen Möglichkeiten bedeutet im Grunde nicht viel. Der
farbige Abglanz, an dem wir nach Goethes Wort das Leben in der
Kunst haben, belebt und erweitert Sinne und Seele doch nur dann,
wenn er Sinnbild ist vom Seienden, wenn er die Wirrsale unsrer
eigenen Brust klärt, indem er sie verklärt spiegelt. Wie wenig Werken
wohnt diese hohe Kraft inne!

Der Reiz der schlichten Tatsache „aus dem Leben" aber ist un-
zerstörbar. Das Leben selber meißelt sie so natürlich in ihren festen
und wesentlichen Bestandteilen heraus, wie Sonne und Seesand das
Gerippe des Vogels in den Dünen. Die Iahre kommen und gehen,
die Bilder verblassen und scheinen völlig ausgelöscht. Da erwacht eines
Tages die Erinnerung an sie, die Schatten beleben sich geheimnisvoll
nnd reden eine merkwürdig bestimmte Sprache. Die Erinnerung redet
aus ihnen, und sie ist eine Künstlerin. Deshalb fesseln ihre Geschichten
fast immer, mögen sie noch so simpel sein.

Die Erinnerungen des Kanzlers von Müller aus den Kriegs-
zeiten (806—(8(3 sind in der Hamburgischen Hausbibliothek (Ianssen) neu
erschienen. Sie sind sehr lesenswert um des klaren Bildes willen, das
man von der großartigen Kometenerscheinung Napoleons und seiner
Wirkung auf das damalige Deutschland erhält, dieses Deutschland, das
ja eigentlich gar nicht bestand, wenigstens in dem Herzen jener Gene-
ration nicht. Der Inhalt der Aufzeichnungen, die im wesentlichen von
den wichtigen Schwierigkeiten berichten, dem Herzog von Weimar sein
Ländchen zu erhalten, gehört ja nicht hierher, sondern in eines der
trübsten Kapitel unsrer nationalen Geschichte. Aber Einzelheiten sind
doch recht kennzeichnend: so muß Müller in Warschau dem Kronprinzen
von Bayern, dem späteren Ludwig I., viel von Schiller erzählen. In
den Gefechten bei Pultusk, bemerkt der Kronprinz, habe er stets Schillers

2. Septemberheft (907 6V
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