Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Iahrg. 20 Erstes Augusthest 1907 Heft2l


TrachLenfeste

Es ist kaum ein Zweifel mehr möglich: Wir stehen im Zeichen
der Trachtenseste. Wo sich auch nur eine Spur der volkstümlichen
Kleidung noch findet, wird ein Trachtensest veranstaltet. Man ver-
folgt dabei sogar volkserzieherische Zwecke. Man will der Land-
j bevölkerung, die das Gute und Schöne, das sie besitzt, gar nicht zu
! schätzen weiß, recht eindringlich vor Augen sühren, was für eine
! fchöne Sache es doch um die Tracht ist und daß es ein großer
! Schade und Verlust wäre, wenn sie ganz verschwände. Auf diefe
j Weife soll dann wieder Liebe zur heimischen Eigenart in der Be-
völkerung geweckt und ihr vor allen Dingen die althergebrachte Tracht
wieder lieb und wert gemacht werden.

Aber wie immer, wenn etwas in die Mode gekommen ist, regt
sich der Widerspruch. Und zwar sind es in unsrem Falle gerade die,
die das Ziel, das man mit den Trachtenfesten erreichen will, zu dem
ihrigen gemacht haben und eifrig an der Stärkung heimischer Eigen-
art arbeiten, von denen der Widerspruch ausgeht. So sind — um
nur ein Beispiel aus jüngster Zeit anzuführen — auf der General-
versammlung des „Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und
Heimatpflege" recht beachtenswerte Stimmen wider die Trachtenfeste
laut geworden. Ich glaube: man braucht nur einmal ein Trachten-
fest mitzumachen, um selbst den Wunsch zu fühlen, daß diefe Zerr-
bilder von Volksfesten so bald wie möglich verschwinden mögen.

Was man so mehr instinktmäßig fühlt, darüber kann man fich
bei einigem Nachdenken sehr leicht auch verstandesmäßig Rechenschaft
geben. Zu allererst sällt die Stilwidrigkeit dieser Fefte aus. Man
braucht die Bedeutung des Milieus noch lange nicht zu überschätzen
und wird es doch für einen Unsinn halten, wenn ländliche Trachten-
feste in der Stadt geseiert werden. Will man mit Gewalt Trachten-
feste haben, dann verlege man sie wenigstens auf das Land und
halte fie in einer Umgebung, die dem Bauer bekannt und vertraut
ist. In der Stadt kommt sich der Landbewohner insolge seiner Un-
beholfenheit und Ungefchicklichkeit immer bedrückt und verlegen vor.
Er wird sich nie frei und ungezwungen geben und bewegen und
wenn er nun gar noch Akteur in einem Festzug sein foll, würde
eine hölzerne Puppe an feiner Stelle kaum einen „hölzerneren" Ein-
druck machen.

Es ist aber diese Stillosigkeit nur ein Symptom für das Un-
natürliche, die Mache, die diefen Festen anhaftet und sich auch sonst
noch kundgibt. Veranstalter, Ausschuß, Leiter des Festzugs, Fest-
redner usw.: sast immer sind's städtische Herrschaften, die in ihrem
ganzen Leben Bauerntracht weder selbft getragen haben, noch sie
ihrerfeits zu tragen wünfchen, außer etwa zum Maskenball. Sie
ftehen alfo, mag ihr Interefse für den Zweck des Ganzen auch noch
so groß sein, der Sache selbst fern. Dadurch gewinnen ihre Be-

tz Augustheft V07 G9
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