Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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uns selber zu demütigen vor Zu-
fällen der Geburt. Ist ein Herzog
oder Lord aus seinem Verdienste
etwas, allen Respekt vor ihm, er
mag unser Präsident oder Ehren-
präsident sein. Aber das Verdienst
um irgendetwas kommt doch erst
aus dem Handeln, nicht aus dem
Geborenwerden. „Herr, wie wer-
den Sie banal!" Also wenn's
jeder weiß, warum dann dieses
Sondern in Dunkelblau-, Hellblau-
und ordinär Rotblutige? Warum
ferner dieses Laufen nach „Pro-
tektoren" vor jeder Veranstaltung,

warum diese beseligten Reden, wenn
ein hoher Herr eine Ausstellung
„eröffnet" usw.? Es geht anderswo
ohne alles das. Wenn wir's aber
nicht lassen können, so sollten wir
uns wenigstens nicht beklagen, falls
fürstlich geborene Leute sich schließ-
lich ganz ernsthaft für etwas bes-
seres halten, als selbst die besten
Köpfe aus dem „Volk". Sind denn
nicht wir es, die ihnen diesen
Glauben aus freiem Willen immer
wieder mit unsrer Bedientengesin-
nung darbringen, als wär's auch
der unsrige? A

Ansre Bilder und Noten

Den Bericht über die „Berliner Sezession", den dieses Heft bringt,
konnten wir natürlich schon deshalb nicht illustrieren, weil die Herstellung
von Bildern in den verwickelten Lechniken unserer Beilagen längere Zeit
braucht, einfache Autotypien aber möchten wir je länger je weniger bringen.
Und doch können die heute wiedergegebenen Werke auch mit zur Er-
läuterung des von Osborn berührten Problems dienen. Das „Begräbnis"
von Isaac Israels verschafste der Berliner Sezessionsausstellung
des vorigen Iahres eine ihrer größten Anziehungen. Ein über alles partei-
mäßige Auftrumpfen ruhig hinausgereiftes Werk! Besieht man's mit
dem ersten Blick, könnte man fast meinen: das sei ja alte Schule, etwa
Düsseldorferisches „Genrebild", sogar mit ein bißchen Sentimentalität. Be-
sieht man's länger, bemerkt man, daß einen da alte Erinnerungen, die
nicht mehr deutlich waren, vorschnell gemacht haben. Das ist gerade ein
Fortschritt, daß Israels sich wieder an Stoffe wagt, die auch über ihre
malerische Erscheinung hinaus interessieren, die uns auch ans Herz gehen,
denn er wagt es mit den neuen Mitteln, die sein Auge und seine Hand
beherrscht, er setzt die intime Kenntnis des Binnenlichts wie des „Pleinairs"
in den Dienst höherer, seelischer Absichten. Und mit dieser Kenntnis,
mit dieser Beherrschung des Wirklichen kommt in sein Werk, was ohne
jedes empfindsame Äbertreiben und Zurechtmachen den Ernst des Lebens
selber in seiner dunkeln Größe wirken macht.

Nach dem Holländer der Belgier. Was Edgar van Bavegem,
den in Deutschland noch wenige kennen, aber bald viele kennen werden,
was seine Bilder so interessant macht, ist etwas anderes: die Durch-
geistigung der malerischen Skizze als solcher. Man betrachte zuerst das
minder bedeutende der Bilder, das zweite in unsrer Anordnung, das
des Treppenhauses. Tun wir's aus gehöriger Entfernung, so werden
wir auch vor der Reproduktion noch darüber staunen, wie die Änruhe dieser
impressionistischen Technik, die uns in der Nähe so stört, aus der Ferne
gesehen sich in eitel Lebendigkeit der Farbe verwandelt. Aber über das
Artistische hinaus zu tieferen Wirkungen kommt erst das zweite Bild, die
„Abenddämmerung im Dom". Wir möchten es jedem zunächst aus der

2. Maiheft 490?

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