Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Wie eine Lichtgestalt seh ich dich schreiten,
erhabner Greis, und rnit verklärtein Blick
das Leben künden in dem Schoß des Todes! . . .

Stimme aus der Kirche: „Kommt zu mir, die ihr mühselig
seid und beladen; ich will euch trösten und aufrichten!"

(Orgel und Gesang. Alarich kniet an der Pforte nieder. — Lärm
hinter der Szene; Flüchtlinge drängen über die Bühne in die Kirche hinein.)

Einhunnischer Krieger (erscheint oben auf der Mauer und
schleudert eine Fackel in den Raum herunter): Halloh! hierher! die Fackeln
bringt!

(Geschrei nndringender Barbaren, die über die Mauer hereinspringen
und nach der Hauptpforte stürmen. Alarich hat die Fackel ergrisfen
und stellt sich mit gehobnem Schwert ihnen entgegen.)

Stimmeaus der Kirche: Asyl!!

(Die Kirchenpforte öffnet sich. Innocens tritt heraus, den An-
dringenden die Monstranz entgegenhaltend, Elaudianus, Mönche und
Flüchtlinge hinter ihm. Die Barbaren weichen teils zurück, teils knien
sie nieder. Orgel und Kirchengesang.)

Ende

„Ausdrucks-Kultnr"

Der alte Wunsch, eine gute
Verdeutschung des Wortes „ästhe--
tische Kultur" zu finden, ist noch
immer nicht erfüllt. Das Wort
„künstlerischeKultur"tut's am wenig--
sten: die ästhetische reicht ja weit
über die künstlerische hinaus. Zudem
scheint es unzweckmäßig, den Aus--
druck „Kunst" in das gesuchte Wort
zu bringen: könnte man das End-
ziel der ästhetischen Kultur errei-
chen, so würde ja gerade vieles,
was jetzt noch als „künstlerisch"
erscheint, einfach natürlicher Lebens-
ausdruck sein. Das Wort „Ge-
schmackskultur" deckt den Sinn
allerdings erst recht nicht, es ist ja
noch enger und brächte uns oben-
drein in den Verdacht, Ästheten
zu sein. „Sinnengesittung", wie mir
jetzt vorgeschlagen ward, hat den
Vorteil, daß es aus das Ethische
der Bewegung hinweist, aber einer-
seits kommt mehr als die Sinne
und andrerseits mehr als Gesit-
tung in Betracht. Das fremde, all-

gemeine Wort aber erschwert jetzt
eine Verständigung sehr oft auch
da, wo sie von beiden Seiten ernst-
lich und ehrlich gesurcht wird, weil
man von den alten Bedeutungen
nicht loskommen kann. Ein ganz
neu gebildetes Wort taugte zur
Klärung besser, als ein altes, dessen
Sinn im einzelnen Falle immer
erst korrigiert oder neu umschrie-
ben werden muß.

Wenn wir aber kein alle Arten
der ästhetischen Kultur umfassen-
des Wort finden können, so finden
wir vielleicht eins, das klarer be-
sagt, was uns als ihre wichtigste
Funktion erscheint, und das bezeich-
net, was wir vom Kunstwart vor-
zugsweise als ästhetische Kultur
pflegen. Asthetische Kultur in diesem
besonderen Sinne richtet je eine
Hauptforderung an die Gestalter und
an die Aufnehmenden, ganz nüch-
tern gesprochen: an die Produzen-
ten und an die Konsumenten der
Werte. An die Gestalter: gebt
einem jeden Ding seine Er-

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Kunstwart XX, (H
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