Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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schritten, schaut plötzlich des Zeus allgewaltiges Haupt euch entgegen,
wie eiu Phidias es geschasfen. Würdet ihr nicht von heiligen Schauern
überrieselt werden? So soll auch ein Beethovenscher Zeus auf euch
wirken können; er kann es, wenn ihr ihm den Tempel, das Aller-
heiligste allein gönnt und ihm so naht, wie dem Bildnis des Götter-
vaters.

Mainz Fritz Volbach

„Grün" in den SLädLen*

Ls können wahrlich alle Freunde des städtischen Lebens darin
einig sein, daß im allgemeinen für eine Stadt eine Fühlung mit
lebendigem Grün niemals schaden wird. Das Steinmeer, aus dem
unsre und namentlich die größten Städte bestehen, droht uns so
sehr zu erdrücken, daß wir uns unbedingt mit diesen Einschaltungen
von frischer Natur helfen müsfen. Und wer daran interesfiert ist,
für guten Geschmack und freudige Stimmung des Volkes zu sorgen,
wird das städtische Grün mit doppelter Freude begrüßen. Allein
auch hier kehrt die alte Lrsahrung wieder von der Macht, die nur
wohltätig ist, wenn sie der Mensch bezähmt und bewacht. Namentlich
gilt es für ihn, daß er sich selbst im Verwenden einer solchen Macht
bezähme. Städtisches Grün kann uns in der Stadt tatsächlich auch
zum Schaden werden.

Versuchen wir nun zu unterscheiden, in welcherlei Weise gärt-
nerische Werke in einer Stadt anzubringen sind, und wieweit sie
zur Anregung und Nnterhaltung der weitesten Kreise dienlich sein
können! Ls lassen sich hauptsächlich wohl vier Arten von städtischem
Grün unterscheiden. Lrstens Pslanzungen auf den Straßen, zweitens
sogenannte Schmuckplätze, drittens Parkanlagen und viertens Spiel-
und Tummelplätze.

Am meisten gutgemeintes Nnheil wird durch die Pflanzungen
auf den Straßen angerichtet. Hierher gehören die mannig-
faltigen alleeartig geftalteten Straßenbäume, die Rasenstreifen auf den
Straßen und dergleichen. Sehen wir nun ab von der speziellen
Frage der Schädigung der Bäume durch Gasleitungen, Kohlenrauch
und dergleichen, so dürfen wir vom praktischen und Lsthetischen Stand-
punkt aus doch wohl feststellen, daß Straßenbäume in der üblichen
Aufstellung oft mehr Schönheit verdecken als herftellen. Sie engen
uns das natürliche Licht ein, sie berauben uns mancher nötigen
und mancher wohltuenden Anblicke. Auch mit den Rasenstreifen
auf breiten Straßen ufw. ift es eine heikle Sache, generalisieren
läßt sich da nicht. Wir möchten dabei an ein Werk erinnern, das
über manches hierher Gehörige Aufschluß gibt und außerdem An-
regungen, die für Volkswohl und Volksfreude von Wert sein können.
Im Iahre erschien bei Paul Parey in Berlin ein wertvoll aus-
gestattetes Buch von Karl Hampel: „Gärtnerische Schmuckplätze in
Städten, ihre Anlage, Anpslanzungen und Pflege". Auch Hampel
mahnt uns zur Vorsicht in den vorher erwähnten Spezialitäten der
Straßengärtnerei. Am so lebhafter tritt er ein für die zweite der

* Nachdruck vom Verfafser verboten

H86 Kunstwart XX, A
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