Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

Page: 556
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart20_2/0660
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
solche? Sollte die Antwort schwer zu erraten sein? Als unerträg-
liche Beschränkung muß der Künstler es empfinden, wenn er sich in
seinem Schaffen eingeengter fühlt durch fortgesetzte Rücksichtnahme
auf ein konfessionell abgegrenztes Publikum; das gilt für den pro-
testantischen Künstler nicht weniger als für den katholischen. Der
Künstler will frei sein und muß frei sein von einer Kritik, die ihn
in erster Linie mit dem Maßftabe des konfessionellen Dogmas mißt.
Ift er innerlich von seiner Weltanschauung überzeugt, so wird er sie
schon von selbst in seinem Kunstwerk nicht verleugnen. Traurig genug,
daß durch die Lage der Verhältnisse unser bürgerliches Leben von
der konfessionellen Zerrissenheit in seiner inneren Kraft beeinträchtigt
wird. Aus der Kunst wenigftens, soweit sie nicht unmittelbar reli-
giösen Zwecken dient, soll konfessionelle Absonderung fernbleiben.
Wenn irgendwo die Möglichkeit geboten ist zur verständnisvollen
gegenseitigen Würdigung der Konfessionen, so auf dem Gebiete der
Kunft. Daß die oben erwähnte „Literarische Warte" in ihren ganzen
Bestrebungen von dieser Idee geleitet war, das läßt uns ihr Ver-
schwinden ganz besonders bedauern. Mit Befriedigung kann man
übrigens wahrnehmen, daß sie nicht das einzige derartige Symptom
ist, welches uns eine Annäherung der beiden großen christlichen Kon-
fessionen wenigstens in ihren künstlerischen und wissenschaftlichen
Zielen hoffen zu lassen vermag. Mehr als einmal hat man in unsern
Tagen von einer immer stärker werdenden Neuromantik gesprochen.
Nun wohl, die alte Romantik bot in vielen Punkten das Lrzeng-
nis einer gegenseitigen Befruchtung der Konfessionen, wahrlich nicht
zum Nachteil unserer herrlichen, deutschen Literatnr. Auch dieser
Aufsatz sei ein bescheidener Beitrag zum Brückenbau zwischen Moderne
und Katholizismus, der, bei aller grundsätzlichen Eigenart und in sich
abgeschlossener konservativ festen Rundung des letztern, doch für beide
eine Notwendigkeit ift.

Daß die Kunftwartleitung einem Katholiken Gelegenheit zn der
vorstehenden Gedankenentwicklung gab, darf wohl gleichfalls dem
dankenswerten Bestreben zugeschrieben werden, konfessionelle Tren-
nung durch loyale Objektivität nach Möglichkeit zu überbrücken.
Wipperfürth Ioseph Heß

Bachs Symbolismus^

Bach war ein Dichter. Aber es fehlte ihm die Gabe, sich in
Worten auszudrücken. Seine Sprache war ohne Feinheit, sein
poetischer Geschmack nicht befser entwickelt als der seiner Zeitgenossen.
Wie hätte er sonft fo bereitwillig die Texte Picanders angenommen!
Und doch war er im Innerften Dichter, infofern er vor allem in
einem Texte die darin enthaltene Musik suchte. Welch ein Nnter-
schied zwischen ihm und Mozart! Mozart ist reiner Mufiker. Lr
nimmt einen gegebenen Text und umkleidet ihn mit einer schönen

* Deutsch nach Schweitzers im Kunstwart (XIX, schon empfohlenen
Buche „I. S. Bach, le musieieu poete« (Breitkopf L Härtel). Mit Geneh-
migung des Verlags und des Verfassers.

1 556__—_ Kunstwart XX, 22
loading ...