Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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„An das wäre rnich auch gerade de Rechte for 'ne Swiegerdochter!"
stimmte der Alte boshaft zu. „De Gälartsche weiß es ja nich emal mehr,
was e'ne Harke is!"

„Ia — dies Fräulein Meier, vu1§o Gälartsche oder Goldammer"
begann Herr Ei, „kann als abschreckendes Beispiel dienen! Ihr Bildungs-
trieb hat sie in verkehrte Bahnen gelenkt. Sie ist vielleicht durch ihre wenig
schöne körperliche Bildung dazu gereizt worden, sich auf andere Weise
auszeichnen zu wollen, sucht mit ausgeschnappten Fremdwörtern zu im-
ponieren und —"

„Un gibt dich denn vielleichte auf französch 'n Kuß, Wilhem!" unter-
brach der alte Wulff den kaum begonnenen lehrsamen Vortrag. „Haste
denn nich 'n Lüschtschen* derzu, Iunge?^

„Nee! Nee!" wehrte lachend der Sohn ab. „Mich sind richt'ge
deutsche liewer! Zeig gleich emal här, Annecken!" rief er übermütig und
wollte seine Nachbarin an sich ziehen. „Was for 'ne Sorte sind denn
deine —"

„Das versteht an Ende 'n ander besser wie du!" scherzte Anna,
machte sich rasch los, sprang auf und um den Tisch herum.

„Vader!" sagte sie und legte, sich zu ihm niederbeugend, den weichen
Arm um den steisen Nacken des störrischen Bauern. Vader! Lck weit
noche, wat 'ne Harke is — sall't Wilhelm nich leiwer mit meck versäuken?"

Sie sah ihn mit den dunklen Augen so liebreich an, daß dem Alten
ganz warm ums Herz wurde.

„Diu Mordsmäken!" schmunzelte er.

„Ia, Vader! Sall e — ? Denn will we ook de Hochte-id up de
ohle Art fe-irn!" flüsterte Anna.

„Krischan! Niun emal reine herriuter mit d'r Wahrheit —! Wat
denkste dek?" rief die alte Fran und hielt ihr Spinnrad an. Sie lachte,
doch standen ihr Tränen dabei in den Augen. „Segg! Is't nich ook
jetz 'ne schöne Te-id?"

„Hast würklich recht, Ohlsche!" gab er zu, hielt seine Pfeife mit einer
Hand vorsichtig seitwärts, faßte mit der andern das Mädchen am Ohr-
läppchen und zog den schönen Kopf vollends zu sich nieder. Der Kuß,
den die roten Lippen dann auf die seinen drückten, mußte ihm wohl ge-
schmeckt haben, wie einer von guter, alter Art, denn er sagte unmittelbar
darauf mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch erlaubte:

„Düt Mäken nehme we, Wilhem!"

Geschichtliche Nomane
Enrica von Handel-Ma-
zetti, »Iesse und Maria".
(Ios. Kösel, Kempten.)

Emil Ertl, „Die Leute vom
blauenGuguckshaus". (L.Staack-
mann, Leipzig.)

* Lust

Nicarda Huch, „Die Ge-
schichten von Garibaldi. (. Teil:
Die Verteidigung Roms".
(Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart
und Leipzig.)

Von der ästhetischen Seite aus
ist uns zwar Komposition, reale

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