Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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ist zu lang, als daß ihn ein einzelner vom Anfang bis zum Ende
durchmessen könnte.

Ganz anders steht die Sache sreilich in so chaotischen Zeiten,
wie wir sie heute erleben. Da kann es wohl vorkommen, daß Dichter
verschiedener Richtung kein Arteil übereinander haben, und daß so
bei der Besetzung der Akademiestellen große Fehler gemacht werden.
Indessen sehe ich keine Möglichkeit, diese Gefahr zu vermeiden, denn
indem man etwa Kritiker oder gar Literaturgelehrte bestimmen ließe,
würde man das Äbel nur ärger machen. Der Kritiker weiß nichts,
als was er vom Dichter, der Gelehrte nichts, als was er vom Kritiker
gelernt hat, und nicht etwa neue Linsichten, sondern neue Fehler sügt
jeder hinzu. So muß man sich eben mit dem Gedanken trösten, daß
die menschlichen Ginrichtungen naturgemäß um so unvollkommener
sind, je höher die Angelegenheiten stehen, aus welche sie sich beziehen.

Immerhin, wenn die Einrichtung auch noch so schlecht funk-
tionieren sollte, sie würde doch eine außerordentlich segensreiche Wir-
kung für unsre Dichtung haben. Nach außen hin: indem dem Volke
klar würde, daß der Dichter denn doch etwas bedeutet, daß es eine
Pflicht ist, sich ihm verehrend anzuvertrauen; und für den Dichter
selbst, daß sie irgend einen sesten sozialen Punkt in dem heutigen
gesellschastlichen Wirrwarr haben; denn der gesellschaftliche Glanz des
Akademikers würde ja auch aus diejenigen überstrahlen, von denen
man weiß, daß sie unter Amständen für eine Stelle in Frage kommen.
Solche Dinge Pflegt man in Deutschland gering zu schätzen ans salschem
Idealismus: der richtige Idealismus ist, alle möglichen Mittel, kleine
und große, soweit sie ehrbar sind, auszuwenden, um etwas Großes
zu schaffen. Und daß eine günstige gesellschaftliche Stellung besser
ist als eine ungünstige, das wenigstens wird doch wohl jeder zugeben.
Für den, welcher Ilrteil hat, sind solche Dinge ja nicht nötig, aber
wenn man ihre Notwendigkeit allgemein verneint, so mache man sich
klar, daß man damit noch nicht alle Menschen urteilsfähig gemacht hat.

Es sollte hier nur eine Anregung gegeben werden, nichts weiter.
Wäre eine Aussicht, daß ihr gesolgt würde, so hätte man noch eine
Menge andre Dinge zu bedenken, besonders die Beziehung der Aka-
demie zur Aussicht über die Sprache. Indessen darüber müßte man
schon besonders abhandeln.

Weimar PaulErnst

Die Werke und wir

6. Warum ich den „Fidelio" liebe. Ein Schwärmerbrief

Die Stadt der Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert,
der Lanner und Strauß, Brahms, Bruckner und Hugo Wols — meine
alte Sehnsucht, Wien einmal zu sehen, sollte nun endlich in Er-
süllung gehen. Dazu noch ein besonderes Glück: „Fidelio^ verhieß
der Spielplan der Hofoper. Wie ein fanatischer Muselmann am
Grabe des Propheten kam ich mir vor in Wien. Zum Herzen der
Stadt, in die altehrwürdige Stephanskirche war selbstverständlich mein
erster Gang. Messe war gerade drin, mit guter, tüchtig ausgeführter
Musik. Kniende, verzückte Mienen, Gebetsummen, Klingeln, Weih-

j. Septemberheft V07 603
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