Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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seine AnsichL gleichsam exzentrisch zu werden scheint zu dem künst--
lerischen und assektiven Kosmos der Zeit, spricht dennoch eine letzte
und leise Stimme aus ihm das sromme Wort: „Was ist der Mensch,
daß du seiner gedenkest!" Da kann denn auch eine gewisse Lußere
Bindung nicht fehlen. Man versuche, Schumann wie Beethoven
zu spielen oder Beethoven nach Schumanns Art, und man wird
sie empsinden. Nichts schon von der verschwommenen Weichheit der
Romantik, kein Verlassen der alten Herbigkeit des s8. Iahrhunderts:
nnd vor allem, entschiedenes Festhalten an der Hurtigkeit des Rokokos,
diesem elementar-stimmungsmäßigen Ausdrucke eines gläubig-opti-
mistischen Herzens. Es ist der stille Zug von Gebundenheit, der
nicht einem Takte der Musik Beethovens sehlt, der auch da ver-
nehmlich anklingt, wo der Meister in sentimentalen Stimmungen
und volkstümlichem Tone die Romantik weniger vorbildet, als ihre
gemütliche Disposition in seiner Weise streift: es ist der elementare
Zug, der heute auf den Hörer wie das leise Mithallen militärischer
Schritte wirkt und ihm das Wohlgefühl gibt: diese Musik werde
niemals straucheln. Karl Lamprecht

(Schluß folgt)

SLuÄ

Auch heute noch immer wieder wilde, aufdringliche, protzige
Ornamentik; stümperhaft gemachte Köpfe; dort, an jenem Eckbau drei
große ovale Bodenfenster als riesige Mäuler mit frei herausragenden
Riesenzähnen, von einer widerlichen Fratzenornamentik umrahmt;
falsche Maßstäbe; Mangel einheitlichen Charakters an ein und der-
selben Fassade; Äberladung und öde Flächen; unsolide Ankleberei;
elende Proportionen! Ia, so „schmückt" man noch heute viele der
ragenden Steinhaufen z. B. in Berlin, in denen die „modernen
Menschen" wohnen. Gutes, das auch da ist, tritt weit zurück hinter
die Masse des Schlechten.

Woher kommt das? Haben die Leute, die das machen, kein
Gefühl? Keine Lust am Schaffen? Kein Verständnis? Kein Kön-
nen? Der Erklärungen sind viele, die erste und letzte aber ist immer
wieder: Es darf nichts kosten und soll doch prunken.

Beim Bauspekulanten fängt's an: Die Außenfeite des Stein-
blocks, d. h. die Straßenfront, soll als Blendwerk für Mieter „reich"
werden für möglichst wenig Geld. Ein irgendwo hergeholter Archi-
tekturzeichner macht also für ein Butterbrot den Entwurf. Eine
Unzahl selbständiger und unselbständiger Stuckunternehmer rennen
dem „Bauherrn^ das Haus ein, um die Arbeit zu bekommen. Der
billigste Anschlag wird angenommen. Infolgedessen muß der Stuck-
bildhauergehilfe unter allen Nmständen so und so viel in einem
Tage „schaffen", sonst ist er „unbrauchbar".

Da haben wir die menschliche Maschine im Kunsthandwerk.

Die dem deutschen Wesen so verderbliche Hast war ehemals
nicht. Die Köpfe und die Ornamente vergangener Epochen leben,
trotz der manchmal rührenden Nnbeholfenheit der Technik. Es ist

! 2. Maihest (907 19S
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