Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Iahrg. 20 Erstes Iuniheft 1907 Heft 17

Ausstellungs-Humbug

Ieder hat von den sogenannten wilden Ausstellungen gehört.
Irgend ein smarter Geschästsmann begibt sich, falls er nicht schon
dort wohnen sollte, nach London, Paris, Berlin oder New Pork. Dann
läßt er sich Briefbogen drucken, auf denen oben steht: „Welt-" oder
zum mindesten „Internationale Ausstellung" für das und jenes und
unten, aber in kaufmännischem Deutsch: „O hochgeschätzte Firma,
beteilige dich daran! Sieh, schon der Name besagt dem aushorchenden
Volke, wie wichtig diese Ausstellung ist! So bedeutenden Leistungen
wie den deinen aber ist der Lohn durch einen Preis gewiß, mit dem
du dann auf Kunden angeln kannst. Die Kosten betragen nur so und so
viel." „Beteiligt" sich der Empfänger, d. h. zahlt er diese Kosten, so ist
die Einsendung seiner Waren nicht unerläßlich, dagegen bekommt
er für sein gutes Geld das wohlfeil herzustellende „Diplom", wo-
nach er einen großen Ehrenpreis oder eine große „goldene" oder,
wollt er nicht viel spendieren, wenigstens eine „bronzene" Medaille
erhalten hat. Freilich nur sozusagen, denn das gleißende Metall
selber wird ihm nur, wenn er über den schon geschickten Mammon
hinaus noch die für den Ruhmes-Impresario wohlwollend berechneten
Herstellungskosten bezahlt. Galvanos aber mit der naturgetreuen Ab-
bildung werden billiger geliesert, und auf die Galvanos kommt's
den Lmpfängern am meisten an. Denn die drucken sie nun ihrerseits
über ihre Briefe, bis sich die Medaillonbildchen reihen wie eine
ausgezahlte Geldrolle. Nnd wer sich dann etwa nach Rauchwaren
oder Blumentöpfen oder Bismarckheringen oder Hühneraugenringen
erkundigt, dem wächst das Vertrauen in der Brust — hat nicht
diesen schlichten Neumann in Luppedahlen selbst eine Londoner oder
New Porker Weltausstellung hohen Preises wert besunden?

Man ist den wilden Ausstellungen gegenüber vorsichtiger ge-
worden, aber selbst wenn man sie mausetot gemacht hätte, würde man
unser Ausstellungswesen und was damit zusammenhängt, noch nicht
vom tzumbug befreit haben. Die Geschäftemacherei arbeitet auch bei
manchen unsrer großen Ausstellungen in einer Weise, die emp-
findlichen Leuten gleichsam auf die ethischen Nerven fallen kann.
Wäre man sich darüber überall klar, so würden die anständigern
Aussteller sich zurückhalten, und selbst wenn sie das nicht täten,
so würden jene Künste nicht „ziehen", und eben deshalb ließe man
sie beiseite.

Geschäftemacherei und Sinn fürs Geschäftliche sind zweierlei.
Das hat ja gerade unsre Bewegung im Gegensatz zu all den Höhen-
dünsteleien stark gemacht, daß sie von Anfang an mit den wirt-
schaftlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten rechnete, und zumal
der reformatorische Aufbau der letzten Iahre hob sich nicht nur mit
ästhetischer, hob sich zugleich mit wirtschaftlicher Bewegung. Aber immer
verwerflich ist doch wohl das Irreführen. Ein Irreführen ist bei sehr
vielen unsrer Ausstellungen das Preiswesen. Schon bei unsern Kunst-

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