Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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im Wege standen, wollen wir nach Verdienst behandeln — dann
sind ihnen Prügel sicher.

Berlin Lrich Schlaikjer

Wohm steuert die MusiLwiffensch aft?

Die gegenwärtige Renaissancebewegung in der Musik hat seit
ihrem srühesten Austreten einen Umsang erreicht, der nur durch das
Fehlen eines wirklich hoch überragenden und Neues verkündenden
Tondichters von Gottes Gnaden erklärlich wird. Käme er, all das
bienensleißige Ausgraben, all das musikphilologische Wichtigtum mit
Größen zweiten bis vierten Ranges, mit Spezialsragen ohne all-
gemeinere Wichtigkeit wäre im Ru verweht, und nur die alle Iahr-
hunderte überstrahlenden Fixsterne älterer Zeiten Palestrina, Lasso,
nur Schütz, Monteverdi, Bach und Händel würden in ruhigem Glanze
weiterleuchten.

Die Renaissancebewegung gebar ein anscheinend kräftiges Kind-
lein: die Musikwissenschaft. Noch ist sie jung und zeigt doch schon
Spuren des Alters. Schon die Art, wie Musikwissenschaft an den
Nniversitäten gelehrt wird, fordert häufig zum Widerspruch heraus.
Die Themenwahl der meisten Kollegien ist zu einseitig, verfolgt allzu
besondere Zwecke. Hugo Riemann ausgenommen fehlt es fast überall
an der Einsicht, worauf es bei der Musikwissenschaft, die als selb-
ständige Wissenschaft Lebenskraft behalten soll, ankommt: auf steten
Zusammenhang mit der lebendigen Kunst, auf die Wichtigkeit, erst
die der Allgemeinheit zugänglichen theoretischen Fundamente ihres
Lehrgebäudes hinzustellen, ehe die An- und Aufbauten fpezieller For-
schungsgebiete errichtet werden. Riemanns Lexikon, seine Katechismen
haben unvergleichlich viel mehr musikalisches Wissen in breiteste
Schichten von Musikfreunden und Musikern getragen, denn alle „Denk-
mäler^, Beihefte, Sammelbände und Spezialschriften zusammenge-
nommen. Wohl liest auch Riemann über besondere Gebiete, wie Ge-
I schichte der Notenschrift usw., aber nie versäumt er, einzelnen Vor-
! lesungen in regelmäßiger Wiederkehr Rückblicke über die a l l g e me i n e
! Musikgeschichte ganzer Iahrhunderte zugrunde zu legen. Zur Lin-
! seitigkeit der Themen in den meisten Kollegien kommen weitere Mängel.

! Die meisten Dozenten sind praktisch nur ungenügend, ja in einigen
Fällen geradezu dilletantisch gebildet. Die beim Studium der Musik-
wissenschast unentbehrlichen lebendigen Beispiele unter Mithilfe des
Tones werden aus solchen oder anderen Gründen viel zu selten gegeben.
Die Seminararbeiten särdern den jungen Studenten in der Regel viel
zu wenig, weil sie meist gelehrte Maulwurfsarbeiten sind und mehr
zum Ausbau der Forschungen und des Wissens des Herrn Profsssors
oder Dozenten dienen, als dem Bildungsbedürfnisse des Schülers.
Diese Arbeiten setzen in der Regel große Kenntnisse des Studenten in
der allgemeinen Musikgeschichte, sie setzen zu früh einen 'Aberblick
über die gesamte Entwicklung der Tonkunst voraus und stellen damit
zu spezialistische Aufgaben.

Bei oen großen Verschiedenheiten der Methodik, Dogmatik und
des Arbeitsfeldes unsrer Dozenren unl» Profesforen der Musikwissen-

t. Malhrft cho?
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