Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Iahrg. 20 Zweites Maiheft !9O7 tzeft 16 j

Altgerrrramsche Prosa

Vor nunmehr reichlich einem Iahre, im Märzheft G06, hat der
Kunstwart das Seinige versncht, nm auf die unsrer Ansicht nach
kaum zu überschätzende Wichtigkeit hinzuweisen, die sür uns Deutsche
von heut eine Literatur hat, der wir aus den ersten Blick nicht die
mindeste Wichtigkeit beimessen möchten: die altisländische Literatur.
Wir zeigten damals, wie hier Bilder aus unsrer germanischen Vorzeit
mit eindringlicher Deutlichkeit erhalten geblieben sind, Bilder, die
selbst unsre besondre deutsche Vorzeit immerhin besser spiegeln,
als irgendwelche andre Literatur tut, Bilder so deutlich, daß man
an die Insekten im versteinerten Harze denkt, aber noch wunder-
sameren Ausdrucks als sie, weil in voller Bewegung und mit allen
Ausstrahlungen eines noch wirkenden Geistes. Hier sieht man alt-
germanisches Dasein noch und sieht es noch leben. Und doch schien
mit diesem hochwichtigen stosslichen Werte die Bedeutung der „Saga^
sür uns noch nicht einmal erschöpft. Denn gleichzeitig boten die Lin-
blicke in die älteste germanische Prosa auch höchst interessante und an-
regende Einblicke in das Wesen germanischer Dichtung als s o l ch e.
Welche, davon haben wir damals gesprochen. Zum Neuerleben des
Rassemäßigen in uns wie zum Erschöpsen des Wesens unsrer ger-
manischen Prosadichtung fließen hier vielleicht die wichtigsten Quellen.

Natürlich verstand sich's für uns von selbst, daß wir sür diese
auch uns selber ganz neuen Erkenntnis weiter zu wirken suchten.
So haben wir uns mit Arthur Bonus verbündet und Äbersetzungen
auserlesener Stücke jener herrlichen Kunst von Kunstwarts wegen
als Bücher herausgegeben. Ferner ersuchten wir Herrn Professor
Heusler, den Germanisten der Berliner Ilnipersität, der den „Hühner-
thorir" so meisterlich übersetzt und so meisterlich eingeleitet hatte,
uns mit neuen Äbersetzungen zu ersreuen. Und schließlich entschlossen
wir uns, noch einmal den Kunstwart selber in den Dienst dieser Sache
zu stellen. Das geschieht mit dem vorliegenden Hefte. Im solgenden
wird zunächst Bonus vom Werte der von uns in Büchern neu heraus-
gegebenen bald ein Iahrtausend alten Erzählungen sprechen, dann
aber mit den „Losen Blättern" Heusler, indem er uns zugleich seine
Äbersetzung von drei andern altisländischen Erzählungen vorlegt.

Noch eines: ich bin mir vollkommen dessen bewußt, daß der
Kunstwart an seine Leser eine starke Zumutung stellt mit dieser aus-
gedehnten Propaganda für „Altisländisches" — denn nur als solches
erscheint sie ja zunächst, während sich's in Wahrheit um ein Wirken
fürs Deutschtum handelt. Ich glaube: kein andres Blatt seiner
Art würde das wagen, denn ehe dem Leser all die Zusammenhänge,
all die Werte sichtbar werden, hat er zu arbeiten, hat er zu
graben. Aber mir scheint: gerade der Kunstwart darf und er
muß es wagen. Ich käme mir wenigstens kläglich vor, wenn ich
für das dauernde Wachsen unsrer Schar dadurch zu „danken" suchte,
daß ich des Abonnenten-„Fangens" oder -„Haltens" wegen die Kost

2. Maiheft M7 i??
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