Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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j Iahrg. 20 Zweites Iuliheft 1907 Hest 20 j

Was dünket euch uw Lrebermauu?

Der am 20. Iuli V07 sechzig Iahre alt wird, erregt die deutschen
Künstler und Kunstschriststeller der Gegenwart, wie sie heutzutage
kein andrer erregt. Man muß an den Streit um Böcklin denken,
um sich an Ahnliches zu erinnern, aber damals ging es doch anders
her. Damals galt's einen Eroberungskamps um Lebensboden und
Daseinsrecht gegen das herrschende Kunstphilistertum überhaupt, und
um Böcklin und Klinger scharten sich dieselben Iungen dabei, die sür
Liebermann und Achde sprachen. Als es zur Sezession kam, traten
Böcklin, Klinger, Thoma mit Ahde, mit Liebermann und den ihrigen
zusammen in Reih und Glied. Aber der Ersolg Böcklins wuchs mit
viel weiteren Kreisen, als der Ersolg der Impressionisten, er sührte
zu einer allgemeinen Begeisterung und auch zur Begeisterungs--
heuchelei sür den großen Schweizer, während Liebermann und die
Seinen nur bei den Kennern geseiert wurden. Da begann unter den
Kunstschriststellern die Reaktion. Möglich, daß auch noch „mensch-
lichere" Motive mitwirkten, jedensalls genügt zur Erklärung schon die
Besorgnis der Impressionisten: der Iubel um Böcklin könne für die
Werte blind machen, die ihnen die höchsten schienen. Nun sind wir
bei dem Schlachtruf „Hie Böcklin, hier Liebermann!" angelangt. „Da
gibt's keine Brücke," schreibt zur Kleinschen Liebermann-Monographie
der Begleitzettel, „die von dem einen zum andern führt." And während
Schessler in Liebermann doch immerhin nur „den besten deutschen
Maler" der Gegenwart sieht, ist er diesem Mutigen schon schlechtweg
„unser größter lebender Künstler", „als den ihn heute auch seine
Widersacher anerkennen müssen". Was den Widersachern natürlich
trotz dieser Behauptung nicht einsällt. Den Widersachern, die viel-
mehr den „Lieoling von Berlin 'U" nun ihrerseits nach Krästen
unterschätzen.

Wollen wir uns in diesem Streit selbst eine Meinung bilden,
so müssen wir unsre Augen vor allem sür die Werte bei Liebermann
ösfnen. Das wird manchem nicht leicht werden und manchem auch
bei redlichstem Bemühen nicht gelingen, denn es setzt sozusagen eine
Amschulung der Augen voraus. Wem's nicht gelingt, ich hosse, der
denkt: „er ist dir verschlossen, urteile nicht über ihn" — denn daß ein
Maler nicht unter der Masse, nein, gerade unter Künstlern und
Kennern eine so entschiedene Gemeinde ganz ohne Grund gewänne,
das anzunehmen, wird er ja zu gescheit sein. And wer zu wirklichem
starken Genusse an Liebermannscher Kunst gelangt? Ie nun, der hat
jedensalls eben diesen Genuß gewonnen, die Freude an einem sehr
bedeutenden Maler und neue Möglichkeiten, von ihm geführt, neue
Schönheiten auch in der Wirklichkeit selber zu sehn. Ob ihm deshalb
Liebermanns Kunst schlechtweg als die höchste deutsche Malkunst der
Gegenwart überhaupt erscheinen, ob er gar mit den Impressionisten
strengsten Ordens nun Böcklin, Klinger, Thoma und all die „Ge-

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