Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Wie dem auch sei — die Tatsache bleibt bestehen: das malerische
Interesse gewinnt bei ihm bisweilen die Oberhand über die musi-
kalische Form. Auch Bach hat die Grenzen der absoluten Musik
überschritten. Aber sein Irrtum läßt sich nicht mit dem der großen
und kleinen Primitiven in der schildernden Musik vergleichen, die
aus Unkenntnis der technischen Hilfsmittel der Kunst sündigten; die
Quelle seines Irrtums ist die außerordentliche Größe seiner Lin-
gebung und seines Wollens. Als Goethe seinen Faust schuf, glaubte
er ein für die Bühne geeignetes Stück zu schreiben. Sein Werk
wurde aber so tief und groß, daß es die szenische Darstellung kaum
verträgt. Lbenso ist bei Bach die Intensität eines Gedankens, der
sich ohne Rücksicht und in aller Reinheit aussprechen will, bisweilen
so stark, daß sie der rein musikalischen Schönheit seiner Werke Ab--
bruch tut. Er hat sich täuschen können: aber nur das Genie kann
die Fehler begehen, die er begangen hat. Albert Schweitzer

Lose Blätter

Aus Heinrich Hansjakobs SchrifLen

fKein höheres Lob weiß Heinrich Hansjakob für die prächtigen
Schwarzwäldergestalten, deren er so viele mit spürsicherem Blick erfaßt
und mit raschem Griffel aufgezeichnet hat, als es der Seppe-Toni in
der Erzählungsfolge „Waldleute" von ihm erhält: Der habe „während
eines halben Iahrhunderts jene wunderbare Originalität ent-
wickelt, um derentwillen er nicht unbefchrien versinken darf in die her-
kömmliche Vergessenheit". Und mitten unter alle diese Originale stellt
Hansjakob sich selbst, als nicht das Geringste unter ihnen; denn er
will seine Bücher nicht machen „wie ein Schreiner seine Kasten und
Kommoden", sondern er will „auch dabei und darin sein", und der
jeweilige Held der Erzählung gibt ihm nach eigener Erklärung oft nur
die Form ab, in die er seine Gedanken und „Bosheiten" hineinschreibt.
So muß er sich's denn trotz des oft betonten Verzichts auf rein literarische
Würdigung an der siebzigsten Wiederkehr des Tages, da der kleine „Becke-
Philipple von Hasle" erstmals die Welt beschrie, gefallen lassen, auch
seinerseits als ein rechtes und echtes schriftstellerisches Original nicht ganz
unbeschrien davonzukommen.

Was versteht eigentlich Hansjakob unter den „Originalen", die er
seinen Lesern bekannt und lieb machen will? Sind es Sonderlinge,
die durch ihre Abweichung von der gewöhnlichen Menschenart die Auf-
merksamkeit auf sich lenken, und deren außergewöhnliche Lebensläufte
wir mit Staunen, Schaudern und Entzücken versolgen? Dies gewiß
nicht. Originale, das sind nach Hansjakobs Begrifs echte, wurzelfeste
Menschen, deren Art und Schicksal sich gemäß ihren natürlichen An-
lagen und Lebensbedingungen entsaltet hat, die stark und aufrecht empor-
gewachsen sind, wie die Tannen des Schwarzwalds. Manche ästheti-
sierenden Neudenker unsrer Tage reden lobpreisend von einem „Stile
des Lebens"; dieser Begrifs deckt sich ungefähr mit dem, was der katho-
lische Priester Hansjakob als die „stille Größe des Landvolkes" bewundert
und verteidigt; denn er hat dieses Ideal unter seinen Landsleuten im
Kinzigtal und seinen Pfarrkindern am Bodensee als lebenswirklich er-

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