Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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umkomponiert, ins Tragikomische gesteigert, haben wir in seinem:
„Auch Einer". Die eigentümliche Gestalt des Helden, die humorvolle
Pfahldorsnovelle, das gehaltvolle Tagebuch Einharts: das alles ver-
einigt sich zu einem starken und bleibenden Eindruck. Vischer war
Dichter; neben seinem Roman und seiner mutwillig tollen Bur-
leske: „Faust, der Tragödie dritter Teil^, kommen vor allem seine
„Lyrischen Gänge" in Betracht. Das Körnige, Kraftvolle seines Lmp-
findens und seiner Sprache verleugnet sich in seiner Lyrik nicht.

Daß er selbst poetisch produktiv war, hat seine Tätigkeit als
Kritiker und Asthetiker mächtig gefördert. So konnte er an sich selbst
die Geheimnisse des poetischen Schaffens belauschen, und man spürt
die Freude darüber dem Bericht über Entstehung und Vollendung
des „Auch Einer" deutlich an. Seine dichterische Ader kam vor allem
seinem Prosastil zugute. „Voll Kraft und Saft ist alles, was er
schrieb, und wie seine Gedanken voll ursprünglicher Gewalt sind, so
hat er sich auch seine eigene Sprache, seinen eigenen Stil geschaffen,
stets dem Gegenstand angegossen: jetzt grobkörnig, die Beredsamkeit
des Zornes atmend, oder in übermütiger Laune freier Wortschöpfung
schwelgend, jetzt zart gestimmt in seierlicher Harmonie verklingend,
in derber Holzschnittmanier, in Fischartschen Tollsprüngen und wieder
im hohen ernsten Stil der Hellenen."

So ist es nicht nur Gewinn, so ist es auch Lust, ihm zuzuhören,
wenn er zu uns redet.

Erafenberg Theodor Klaiber

Musik und Gywnastik

Als vor anderthalb Iahren auf dem Hamburger Kunsterzieh-
ungstage Musik und Gymnastik den Gegenstand der Verhandlungen
bildeten, da hatte Lichtwark als Eröffnungsredner einige Müh, die
beiden Beratungsgebiete unter einem Gesichtspunkte zusammenzu-
fassen. Er betonte, daß eine gemeinsame Wurzel in den von Musik
und Gesang begleiteten rhythmischen Bewegungen des Reigens zu
erkennen sei, daß beide Disziplinen für die Lrziehung im tiefsten
Grunde zusammengehören. Ilnd über diese karge theoretische Er-
kenntnis kam man während des ganzen Kongresses nicht hinaus.
Musik und Gymnastik machten einander damals eine sehr höfliche
Verbeugung, begrüßten sich als Verwandte — und gingen weiter
ihrer eigenen Wege.

Während wir so in Deutschland noch nicht einmal herzhaft an
die graue Theorie rührten, hatte in der französifchen Schweiz der
Komponist Iacques-Dalcroze bereits des Lebens goldenen
Baum gepflanzt und die Vereinigung beider FLcher schon praktisch
vollzogen. Zu Genf hatte er eine Schule gegründet, die nichts Ge-
ringeres bezweckte, als ihre Zöglinge gleichzeitig zu gesunden und
musikalischen Menschen auszubilden, und die Lrfolge, die er auf
diese Weise erzielte, waren derart, daß sich der Ruf davon über
die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus verbreitete und immer
mehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Tage des

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