Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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stellungen genießen will. Man denke nur an Bayreuth, oder die relativ
guten Wagner-Vorstellungen einiger deutschen Hoftheater.

Wenn es nur gelingen könnte, vorläufig eine einzige Bühne
auf den hier vorgeschlagenen Prinzipien in einer größeren Stadt ins
Leben zu rufen, wäre sehr viel gewonnen. Das Experiment würde mit
Sicherheit die Forderung einer allgemeinen Umgestaltung der Theater-
verhältnisse nach sich ziehen. Hätte man überall anstatt der Hoftheater
subventionierte Landes- und National-Bühnen, würden von selbst an-
dere Fragen entstehen, z. B. die der Freivorstellungen u. a. m. Gibt
es im ganzen Deutschen Reich wirklich keine Regierung, nicht einen
Landtag oder eine Stadt, die diese Vorschläge prüfen und vielleicht
ausführen würde? Wenn die Regierungen zu schwerfällig sind, könnten
ja reiche Städte wie Hamburg oder Frankfurt an die Spitze treten, wie
einst die fränkifchen und schwäbischen Städte.

Doch vor allem wende ich mich an die Künstler, die bisher in
keiner Weise ihr Recht erstreben, sondern tatenlos zusehen» anstatt kräftig
für die gemeinfame heilige Sache zu kämpfen. Der allgemeine Musik-
verein, die Anstalt für Aufführungsrechte, Vereine von Dichtern und
Komponisten, Wagnervereine, Bübnenvereine usw. sollten wenigstens
meine Vorschläge beachten und diskutieren, und wir follten alle ver-
einigt für die Amgeftaltung der Theaterverhältnisfe eintreten. Das
eine ist sicher: wir werden keine befriedigenden Zustände erreicben, ehe
man es den Künstlern selbst überläßt, Baustätten ihrer Kunst, die
Hilfsmittel dessen, was die Künstler ausdrücken wollen, nach ihrer
eigenen besten Linsicht zu organisieren und zu kontrollieren. Was den
bildenden Künstlern recht, ist den Dramatikern, Tonkünstlern und
Schauspielern billig. Ob der Weg schwer zu bauen und schwer zu be-
gehen ist, darf nicht das mindeste kümmern, denn er muß gebaut und
beschritten werden, wenn man vorwärts will. P. de C h.

Vom Monopol auf Nietzsche

Frau (Llisabeth Förster-Nietzsche hat verstanden, sich als Bio-
graphin Friedrich Nietzsches und als Leiterin des Nietzsche-Archivs
eine angesehene und einslußreiche Stellung zu erwerben. Sie gilt
sehr vielen Leuten in allen Nietzsche betresfenden Fragen als Autori-
tät und letzte Inftanz und sie tritt mit entsprechenden Ansprüchen
auf. Seltsam genug, daß ihr's glückt! Denn wenn auch der Fern-
stehende über das vorgebrachte sachliche Material in der Regel keine
Kontrolle hat und sich begnügen muß, das glaubhaft Vorgetragene
gläubig aufzunehmen, fo stehen ihm doch Anhaltspunkte genug zur
Verfügung, um die kritischen und psychologischen Fähigkeiten der Bio-
graphin zu beurteilen; er wird Schlüsse daraus ziehen und sich
eine Ansicht bilden dürfen, ob die Tatsachen richtig gruppiert und
beleuchtet, ob die Werturteile mit Feinfühligkeit und von höherer
Warte aus gefällt sind. Meines Lrachtens muß jedem, der die
schriststellerischen Leistungen der Frau Förster verfolgt, der beträcht-
liche Mangel an kritischem Vermögen, an psychologischer Spürkraft,
an Kongenialität mit ihrem Bruder sofort in die Augen springen.
So uneingeschränkt sie ihn als Halbgott behandelt, so naiv sie sich

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