Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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nalen Fortschritt notwendig ist. Wo spiegeln sich in den Amtsblättern
die großen Bewegungen der heutigen Technik nnd des Verkehrswesens,
der Gesundheits- und Körperpflege, der künstlerischen Kultur und der
religiösen Wiedergeburt? Was tun die Amtsblätter, um das Verständnis
für Dinge zu verbreiten, die, wie Bekämpfung von Volkskrankheiten,
Ernährung, Städtebau, Heimatschutz, Heimatkunst, ohne begeisterndes Mit-
empsinden und Mitarbeiten des Volkes lahmgelegt sind? Wo finden
Bewegungen, wie die mit dem Namen des Kunstwarts verknüpfte, Raum
in der von Partei- und Geschäfts-Interessen freien, zur Führung, nicht
zur Umschmeichlung der Leserwelt bestimmten Presse?

Den Kernpunkt des Widerstandes bildet auch hier das Arübel:
die Gefchmacks-Entartung im Pressewesen. Ihre Außerungen — tenden-
ziöses Verschweigen oder Entstellen von Tatsachen, geistige Bevormun-
dung des Lesers, Salbaderei und Moralpredigt, Furcht vor unbefangener
freimütiger Erörterung, Schulmeisterei, besonders aber das Verschweigen
dessen, womit dann die „Oppositions"-Presse „hausieren^ gehn könnte,
habe ich schon gekennzeichnet. Das Allheilmittel lautet: Die Zeitung
dem Schriftsteller! Aber sreilich: Nicht den, der selber ums
Zeilenschinden schreibt, was Erfolg verspricht, nenne ich so, sondern den
gründlich gebildeten, für jede seiner Feder entfließende Zeile eintretenden,
verantwortlichen, freien Schreibkundigen. Die Zahl der berusenen Schrift-
steller würde wachsen, wenn die Amtspresse sie — berusen würde. Heute
ist es fast ausgeschlossen, einen sachlichen, aber von den Modekrankheiten
der Geistreichelei, des Liberalisierens, der Verneinung und Bezweiflung
aus Eitelkeit am ungehörigen Orte, freien Beitrag in irgend einem der
l0 500 „Organe der öffentlichen Meinung", die der Kürschner aufzählt,
Platz zu schaffen. Möchte endlich die Amtspresse, unterstützt von wohl-
eingerichteten Korrespondenzen, aus dem Lager der Nachzügler an die
Front treten und die Führung zu Fortschritt und Vervollkommnung auf
dem Boden unsrer durch Iahrtausende überlieferten Gesittung frisch und
wahrhaft „freifinnig" ergreifen!

Dresden Hermann Häsker

Lose Blätter

Aus dem „Acker" von Ernst Liffauer

ßWer sich berufsmäßig mit Lyrik beschäftigt, der freut sich immer
außergewöhnlich, mal einen zu sinden, der besonderen Ton hat, nicht er-
künstelten versteht sich, sondern natürlichen. Dem „Laien" geht's lange
nicht in gleichem Maße so, er nimmt Erfreuliches ohne viel Nrsprungs-
zeugnisse, und hat ein Recht dazu. Der Poesiekritiker anderseits ist sogar
ebenso geneigt, die Sprecher mit dem „Eigenton" zu überschätzen, wie
sein Kollege in der bildenden Kunst leicht die Maler mit „Neuem" in
ihrer Art überschätzt, und jedenfalls nimmt er andre Mängel zu diesem
einen Guten gern mit in Kauf. Ernst Lissauer ist ein junger Lhriker
von eignem Ton, deshalb hat sein bei Hugo Heller L Cie. in Wien
erschienenes kleines Gedichtbuch „Der Acker" das Aufmerken der Kenner
erregt. Nun prüfe man an den Proben, ob der junge österreicher nicht
noch etwas anderes als „eignen Ton" hatZ

G

2. Septemberheft chOc'

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