Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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IMs Llnklare Schlagwsrte 4

„Bei Geschenken darf nran
den Preis nicht nennen"

Ein Witzblatt brachte kürzlich ein
Bild: Eine Dame im Laden und
die Verkäuferin. Als Text dazu:
„Wünschen Sie etwas Besseres oder
soll es nur zu Geschenkzwecken sein?"

Von unsern Lesern weiß jeder,
daß dieser Scherz nur einen Fall
aus einer großen Gruppe heraus-
greift. Iede Frau, die sür Ver-
wandtschaft, Freundschast und Dienst-
boten etwaWeihnachtseinkäufemacht,
kennt die Schundware, die ihr mit
freundlichem Lächeln vorgelegt wird:
sie ist ja nicht „s o" haltbar, aber
sie „gibt" dasür besonders viel „her",
mit andern WorLen: sie sieht nach
mehr aus, als sie ist. Wollten wir
vom starken Geschlecht über die vom
schönen spotten, so branchten wir
nur an die Zigarrenkisten in „Ge-
schenk-Aufmachung" zu denken, um
zu wissen, ob's bei uns besser steht.

Wie schwer es mitunter wird,
sich über den ethischen Kern einer
Gewohnheit klar zu werden, wenn
für den, der die Gewohnheit mit-
macht, die Klarheit nicht schmeichel-
haft ist? Was kann plebejischer,
was kann pöbliger sein, als über
den Wert seiner Gabe täuschen
zu wollen? Rnd wie wenige sind
sich zu gut dafür?

Nehmen wir an, es entscheide
bei den Geschenken, die hier in
Frage kommen, der materielle Wert
allein, weil die Beschenkten ihn als
eine Art von Entlohnung in Ge-
schenkform erwarten dürfen, viel-
leicht sogar, weil sie aus ihn an-
gewiessn sind. Dann liegt die Am-
würdigkeit des Läuschens ja am ein-
fachsten klar. Bei sreien Geschenken
zwischen Gleich und Gleich gibt aber
der materielle Wert den Hauptwert

nicht, sollte er's wenigstens nicht,
wenn Schenker und Beschenkte sich
schätzen. Das Feingefühl, die
Kraftleistung im Erkunden meiner
Wünsche und in dem Bemühen,
sie zu besriedigen, die Einschätzung
meines Werts, je nachdem, an
welche meiner Eigenschaften man
sich wendet, alles das und noch
andres erhöht oder mindert meine
Freude und leiht ihr die Farbe.
And doch gibt es gebildete Men-
schen, denen nichts peinlicher ist,
als wenn dem Gegenstande, den
sie verschenken, sein materieller
Wert anzusehen ist. Wie oft bin
ich schon gebeten worden, z. B. bei
den Künstler-Mappen des Kunst-
warts die Preisangabe auf dem
Amschlag wegzulassen? Was ändert
das „lVe Mk." oder „3 Mk." oder
„5 Mk.", das dem minder Bemittel-
ten sofort sagt, ob ihm diese Mappe
noch erschwinglich ist oder nicht, an
ihrem Werte als Geschenk? Ist
es wirklich vornehm, einen, der
Dürer oder Grünewald genießen
könnte, statt mit ihren Gaben mit
einer Flasche Kognak oder mit einem
Kistchen Zigarren zu beschenken, weil
man bei denen nicht weiß, was sie
kosten?

Aber halt: „bei Zigarren und
Schnäpsen darf man den Preis
sagen". Auch ein Grundsatz, aber
richtig, da „darf" man's. And so
stimmte die Sache ja doch wieder
nicht . . .

Wie viele Kleinarbeit haben
wir noch zu leisten, bis wir ein
Volk von innerlich Freien, von ihrer
Würde Bewußten sein werden? A


Eine Germanität?

Immer von neuem kehrt in deut»
schen Betrachtungen der alte Spruch

l° Aprilheft l907 Zs

Allge-
meineres

LiteratAr!
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