Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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Wie es tut, sich fühlt und schmeckt,

Wenn sie, die uns so toll geschreckt,

Verbellt, gejagt, durch die Wälder gehetzt,

Wenn sie nun endlich zu guter Letzt
Abläßt von ihrer keuchenden Beute,

Die Iägerin mit der grimmigen Meute,

Die wilde Iägerin Leidenschaft.

Es schmeckt wie ein kühlender Labesaft,

Es schmeckt wie ein Schläfchen nach Tische gut,
Wo man so sanft einnicken tut.

Also, ihr Leidenschaften, Ade!

Euer Abschied tut mir nicht weh!

Doch eine will ich behalten, eine:

Den Zorn auf das Schlechte, das Gemeine.

Schlußergebnis

„Sage, was ist am Ende der Bahn
Als das Wahre, das Beste dir erschienen?"
Nachdem verblichen so mancher Wahn,

Das Leben durch Arbeit abverdienen.

„Traurig." — Ich weiß nicht, mir ist dabei
So heiter zumut wie in Iugendzeiten,

Die Seele befindet sich hell und frei
Im Dienste des Ganzen, im Meer, im weiten.

Neinheit in der Kunst

„Weshalb haben Sie jene Dich-
tung ganz ohne jede Einschränkung
empfohlen? Sie wissen doch, daß
recht bedenkliche Szenen darin vor-
kommen, Szenen, die ich meinen
Töchtern nicht gern vorgeführt
sähe.«

Erstens las ich einmal im An--
zeigenteil irgend eines Witzblattes
ein Buch folgendermaßen empfoh--
len: „Von diesem Buche sagte der
Hofprediger Stöcker, nachdem er sich
sittlich darüber ereifert hatte: »Ich
sage Ihnen aber nicht, wie es heißt,
sonst gehen Sie nachher hin und
kaufen es sich!««

Zweitens hörte ich einmal zwei
junge Leute sich davon unterhalten,
daß sie den Abend in die Sittlich--

keitsversammlung gehen wollten,
und was sie sich davon versprachen.

Drittens sagte mir einmal ein
Nedakteur: „Was wir brauchen,
sind solche Artikel, wie neulich der
in unserm Blatt über das Elend
der Ballettänzerinnen; da kann sich
der Leser drüber entrüsten und hat
doch etwas für die Phantasie; der
hat uns mindestens hundert Abon-
nenten eingebracht.« Seitdem ist
mir klar geworden, weshalb manche
Zeitungen, die Ananständigkeiten
nicht bringen wollen, so ausführ-
liche Lntrüstungen über Ananstän-
digkeiten bringen.

Aus diesen und ähnlichen Er-
fahrungen und Gründen meine ich
so: Wenn schon der Dichter einige
Dinge zu stark betont haben sollte»

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Kunstwart XX, V
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