Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 20,2.1907

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weinen, so würden unanshörliche Tränen mir die Augen verschleiern,
so daß ich das „neue Gesicht" nicht erkennen könnte. Wenn ich es
aber mehr und mehr erkenne, dann muß ich jubeln: es ist eine Lust,
in unsrer Zeit zu leben, eine Lust, in unsern Tagen Baumeister zu sein!
Berlin--Grunewald OttoBartning

(A

Wir bringen diesen Beitrag des Architekten Otto Bartning, weil
wir ihn für einen Kopf halten, der ein Anrecht darauf hat, gehört zu
werden, auch wenn wir nicht in allem mit ihm einig gehen. Gewiß
ist es kein unermeßliches Unglück, wenn ein „Mäuerchen" fällt. Wenn
es aber gut war und etwas Schlechtes an ihre Stelle kommt, wie es
heute wahrlich oft genug der Fall ist, so wäre das Mäuerchen eben
besser stehen geblieben, besonders, wenn das Mäuerchen ein Haus
oder noch mehr war. Wir sehen auch nicht in denen nützliche Arbeiter
am Heimatschutz, welche dann tatenlos weinen, sondern in denen,
die unnütze Zerstörungen zu verhindern suchen oder dafür sorgen,
daß Besseres an die Stelle des Zerstörten kommt. Das Leben
setzt sich eben zusammen aus kleinen und großen Aufgaben, und wenn
der kleinen viele sind, so werden die vielen kleinen unter Am-
ständen wichtiger als die wenigen großen. Wenn so vielen Bau-
gebilden unsrer Vergangenheit aus Unverstand der Antergang droht,
so sehen wir in den Bemühungen um ihre Erhaltung keine minder-
wichtige Ausgabe, als in dem verständigen Erhalten von Kunstwerken
überhaupt. Würde der Maler, der neue Bilder zu erzeugen die Kraft
hat, es deswegen für gleichgültig halten, ob die Werke der alten
Meister zerstört werden oder nicht? And welche Bilder sind so ein-
flußreich auf ein Volk, wie die, zwischen denen es wohnt und lebt,
wie die seiner Bauten, die ihm Dorf und Stadt und Heimat bilden?

Daß der Baukünstler in der Lust am Schaffen wie Bartning denkt,
scheint uns sehr in der Ordnung, und seinem Hoffen und Streben,
soweit es eben das Schafsen betrifft, schließen wir uns rückhaltlos
an. Möge nur dabei der Wunsch, Neues hervorzubringen, nicht zum
neu sein Wollen führen, zur bewußten Originalitätsmacherei,
unter der wir genug gelitten haben: wenn Neuheit nicht der natür-
liche Ausdruck eines schon Seienden ist, so ist sie Schwindel oder
Komödie, wie andres auch. And hinsichtlich des Erhaltens müssen
die Wünsche in der Gesamtheit der Gebildeten eines Volks weiter
gehn als die besondern des Architekten, der sich betätigen will.

Lose Blätter

Aus Peter Hilles Dichtungen

IZU Lebzeiten Hilles, der vor wenigen Iahren so trübselig umkam,
ist seine Poesie nicht, wie wir's heute gewohnt sind: durchs gedruckte
Buch, sondern durch mündliche Mitteilung in engeren und engsten,
namentlich Berliner Literatenkreisen bekannt geworden. Als das Äber-
brettl in Berliner Nachtcafss aufgeschlagen wurde, war eine Zeitlang
auch Peter Hille für Geld zu sehen und zu hören. „tzuoä äou8 dous
vsrtut,!" seufzte der arme fahrende Scholar, der mit seinen fünfzig Iahren
die Schaustellung doch ein wenig bitter empfand. Recht viele lachten

tz (Veptemberheft
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